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Der Verrat: Ampel beschließt Impfpflicht für Pfleger

Die Ampel interessiert sich keinen Deut mehr für die Grundrechte der Bundesbürger als die Vorgängerregierung. Es ist grotesk: Nach anderthalb Jahren offiziellen Applaus für unsere „Pflegehelden“ wird die erste Maßnahme die Impfpflicht sein.

Am Mittwochnachmittag legten SPD, FDP und Grüne den Ampel-Koalitionsvertrag vor. Überlagert wurden ihre Pläne allerdings vom Corona-Geschehen – vor der Vorstellung der Politik der nächsten Jahre kündigte Olaf Scholz die neuen Corona-Regeln an. Wichtigster Schritt: Die Einführung der Impfpflicht für Pfleger. Nicht nur bei der FDP widerspricht das den Wahlkampfversprechen – es ist vor allem ein Verrat an den hart arbeitenden Pflegekräften in diesem Land.

In meiner Familie und meinem Freundeskreis arbeiten viele in der Pflege. Einige fingen als Altenpfleger an – und wechselten schnell ins Krankenhaus. Und das nicht wegen relativ schlechtem Lohn oder harten Arbeitsbedingungen. Es hatte vielmehr etwas damit zu tun, dass sie um 16 Uhr damit anfangen mussten, die ersten Bewohner ins Bett zu bringen, weil man für so viele Patienten zuständig ist, dass man sonst zu letzten erst um Mitternacht erst kommt. Es war auch die Art, wie in solchen Einrichtigungen mit den Menschen umgegangen wird. So erging zum Beispiel die Anweisung, für diejenigen Heimbewohner, die nicht mehr so gut kauen können, die komplette Mahlzeit durch den Mixer zu jagen. Und ich meine die komplette: vom Mittagessen über den Kaffee bis hin zum Pudding – alles zusammen. Wenn man sich weigerte, hieß es: „Ach was, im Magen kommt doch eh alles zusammen. Anders geht’s nicht, so viel Zeit habt ihr nicht.“ Sie haben gekündigt, weil sie diese Arbeit nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten. Die meisten Pfleger nehmen ihren Beruf ernst – sie dürfen ihn aber nicht mehr ausführen. Was in vielen Altersheimen geschieht, hat nichts mit Pflege zu tun.

Unsere Gesellschaft ist nicht nur zu faul, sich für die eigenen Rechte einzusetzen, was die Corona-Politik angeht. Sondern auch, um sich um die Alten zu kümmern, die wir um jeden Preis am Leben erhalten wollen – um unser schlechtes Gewissen zu stillen. Und damit meine ich nicht die topfitten Rentner, die ein glückliches weitgehend selbständiges Leben führen und einfach ein bisschen Unterstützung im Alltag brauchen. Ich meine die 95-Jährigen, die in diesem Moment eine künstliche Herzklappe eingesetzt bekommen – was Ihre Krankenkasse mal so eben den Preis eines Kleinwagens kostet -, nur damit sie noch ein paar Tage länger die Krankenhauswand anstarren können, aber trotzdem keinen Besuch von ihren Angehörigen bekommen.

Ich will jetzt nicht allen einen Vorwurf machen, die ihre Angehörigen in einem Pflegeheim untergebracht haben. Schließlich ist die Pflege ein Vollzeitjob, den man neben einem Hauptberuf nicht mal einfach eben so machen kann. Und auch, dass nicht jeder mal soeben die teuerste Residenz zahlen kann, verstehe ich.

Es ist ein großes Dilemma: Die Menschen werden immer älter (ich gönne es ihnen ja von Herzen), und die Nachfrage nach Pflegekräften steigt. Allerdings waren die Altenheime schon vor zehn Jahren längst massiv unterbesetzt. Schon damals waren die Pfleger mit mehr Patienten beauftragt, als sie angemessen pflegen konnten. Und jetzt, wo in der Schule die Einsen inflationär anzusteigen haben, ist es schwer, noch Nachwuchs zu begeistern. Der Job ist auf vielen Ebenen höchst unattraktiv; schon 2019 dachte jeder fünfte Pfleger darüber nach, einen anderen Job zu ergreifen. Auf 12.300 offene Stellen in der Altenpflege kommen momentan gerade einmal 3.400 arbeitslos gemeldete Pflegefachkräfte.

Krankenhausmitarbeiter erzählen

2015 hat die Politik gedacht, sie hätte die Lösung für die Unterbesetzung in den Altenheimen gefunden. Millionen von Menschen – ohne Ausweis, ohne Heimat – standen vor unseren Grenzen. Und auf einmal hatte man Dollarzeichen in den Augen. Wenn die Einheimischen sich zu schade sind, kann man doch bestimmt die Ausländer hereinholen, die nicht genug Deutsch können, um die ganzen Klauseln und Sonderregelungen im Arbeitsvertrag zu verstehen. Und so fing zeitgleich zur Flüchtlingswelle plötzlich die Rede vom demographischen Wandel an. Was die Flüchtlinge mit sich bringen, ist „wertvoller als Gold“, dachten sie. Sie haben in Nahil und Mayyas keine schutzsuchenden Talente gesehen, wie sie immer behauptet haben. Sie haben in ihnen nur die billigen Hilfskräfte gesehen, die ihnen eines Tages den Hintern abwischen. Sie warfen sie an der Grenze mit Teddybären zu, in der Hoffnung, dass die sich aus Dankbarkeit als billige Arbeitskräfte hergeben werden. Das hat nicht funktioniert.

Wir alle sind erpressbar

Aber was könnte man nun tun, um die Situation zu verbessern? Wie wäre es beispielsweise mit besseren Löhnen? Oder weniger erniedrigenden Arbeitsbedingungen? Wie wäre es damit, einen klitzekleinen Anteil des Geldes, das wir mit Lockdown & Co. verpulvern, in die Altenpflege zu stecken? 
Immerhin: Die Ampel plant nun einen Pflegebonus. Was davon tatsächlich ankommt – offen.

Das erste, das nach anderthalb Jahren Gejubel von den „Pandemiehelden“ substantiell passiert ist: Berufsverbot für ungeimpfte Pfleger.

In der Altenpflege sind aktuell gerade einmal 74 Prozent geimpft. Stellen Sie sich die aktuellen Bedingungen in den Altersheimen vor, inklusive regelmäßiger Corona-Ausbrüche in Abwesenheit von Hygienestandards – und jetzt denken Sie sich ein Viertel der Pfleger weg: Meinen Sie, die gesundheitliche Situation für die Bewohner verbessert oder verschlechtert sich?

Um an die Ehre zu gelangen, den unbeliebtesten Job zu machen, den es in Deutschland überhaupt gibt, muss man sich jetzt auch noch gegen seine Überzeugung impfen lassen. Und dann wundert man sich, warum die Pfleger nicht mehr darauf anspringen, wenn die Parteien die strahlende Krankenschwester mit dem pathetischen Spruch auf die Wahlplakate klatschen. Wir sollten den Krankenpflegern, den Altenpflegern die Füße küssen dafür, dass sie uns einmal den Hintern abwischen werden. Jetzt Anforderungen zu stellen, die wir uns bei anderen Berufsgruppen nie erlauben würden, ist quasi Selbstmord.

Die Politik setzt auf ein besonders widerliches Spiel: Man hofft, die ungeimpften Pfleger zu brechen. Von dem Gehalt kann man schließlich nicht genug ansparen, um darauf verzichten zu können. Sie sparen sich ja eh schon das Geld vom Munde ab, weil sich viele Heizung und Wochenendurlaub nicht gleichzeitig leisten können. Die Politiker wissen ganz genau, dass die ungeimpften Pfleger ihnen nicht den Kittel vor die Füße werfen können, mit der Ansage „dann macht doch euren Dreck alleine“. Jahrelang haben sie ihnen Gehaltserhöhungen verwehrt, Gesetze erlassen, die 24-Stunden-Schichten ermöglichen, an allen Ecken haben sie gespart. Die Politiker sind diejenigen, die die Pfleger mit 8-Stunden-Schichten übermüdet zu den Nebenjobs getrieben haben. Das alles wissen sie ganz genau.

Und sie wissen auch, dass es niemanden gibt, der den Pflegern beistehen wird. Erstens, weil alle ja der Meinung sind, es betreffe sie nicht. Und zweitens, weil unsere Alten ihr Druckmittel sind. Wir alle sind erpressbar. Haben Sie Tante Gisela in den letzten Monaten mal besucht, oder muss die vorgedruckte Weihnachtskarte von letztem Jahr genügen? Haben Sie Wilhelm angerufen, so wie Sie es ihm versprochen haben? Ist es nicht traurig, dass Erhard früher Herzchirug war und heute seine eigene Familie nicht mehr wiedererkennt? Ja, er braucht jetzt Beistand, aber da ist ja noch die Küche, die gestrichen werden muss und immer diese Arbeit und dann noch die Kinder … Dann immer dieser Geruch von Tod und Lavendel, den Altenheime verströmen, und immer steht ein Krankenwagen mit Blaulicht vor der Tür. Viele verlassene Alte bedeutet auch viele Angehörige mit schlechtem Gewissen. Dann sollen diese Proleten von Pflegern sich doch endlich impfen lassen, nicht wahr? Die Oma im Billigheim verdient schließlich nur das Beste. Und es ist doch besser, wenn sie an steriler Einsamkeit stirbt, statt an einer Lungenentzündung.

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AUTOR

Elisa David

DATUM

November 24, 2021

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