Kategorien: Corona, Medien, Quarantäne-Qual, Rubikon1347 Wörter5.1 min lesen

Die Quarantäne-Qual

Nun bin ich wieder zurück. Einige Wochen war es still um mich geworden. Mich hatte es erwischt. War krank. Und da es nur noch eine Krankheit zu geben scheint dieser Tage, habe ich mir auch prompt diese einzigartige Erkrankung zugezogen: eine Corona-Infektion. Rückblickend muss ich sagen, dass ich zu keiner Zeit kurz vor einer Hospitalisierung stand. Aber zugegeben, ich hatte schon Angst. Darüber habe ich bereits an anderer Stelle Auskunft gegeben.

Bitte nicht falsch verstehen, diese Zeilen hier sollen kein weiteres Essay eines Geläuterten sein, der sein großes Umdenken publikumswirksam aufbereitet. Dergleichen Machwerke gibt es ja zurzeit zuhauf. Im Wesentlichen haben sich meine Ansichten gar nicht so sehr geändert. Aber eine neue Erfahrung habe ich gemacht, die ich vor meiner Erkrankung — und ja, ich war nicht nur infiziert, ich war durchaus krank — so noch nicht auf dem Plan hatte: Ich meine damit die Quarantäne. Diesen Umstand, sich wegzusperren und zuzuwarten, wie sich die Infektion entwickelt: Nach fast zwei Jahren Pandemie kann man getrost sagen, dass das kein Konzept ist — das ist Zeichen einer miserablen Versorgung an Covid-19 Erkrankter.

Ganz alleine war ich ja nicht. Auch die, für die es sich lohnt, morgens aufzustehen, hat es natürlich erwischt. So saßen wir zu zweit in unserer Bude. Eigentlich reichen uns die knapp etwas mehr als 60 Quadratmeter ja. Wir sind genügsame Menschen. Gegen Ende der Quarantäne wollten wir uns jedoch schon etwas mehr entfalten. In den ersten Tagen unseres Wegschlusses war das aber weniger unser Problem.

Noch nicht mal die Überlegung, wer unsere Einkäufe besorgt oder ob wir sie uns besser online bestellen sollten, beschäftigte uns. Denn nach einigen Tagen ging es uns so schlecht, dass wir an das Thema Essen gar keinen Gedanken mehr verschwendeten.

An der Stelle fingen meine Sorgen an. Es ging mir einige Tage nicht sehr gut. Wie ich heute weiß, war ich zu jedem Zeitpunkt meiner Erkrankung weit weg von einem Krankenhausaufenthalt. Im Moment der Erkrankung, wenn man geschwächt ist, sieht man das freilich nicht ganz so klar. Ich bekam schlecht Luft, ärztlicher Rat war nötig. Mein Hausarzt stand nicht zur Verfügung. Auch nicht telefonisch. Das heißt, ich bekam ihn an den Apparat, aber er machte die Sache klar: Er könnte mir nicht helfen, wenn es mir schlecht gehe, soll ich ins Krankenhaus gehen.

Dazu ging es mir zum Glück nicht schlecht genug. So viel ahnte ich dann schon. Bereits am Abend zuvor hatte ich abends mit dem Notdienst telefoniert, er empfahl eine Antibiose, um etwaige Bakterien in der Lunge zu bekämpfen. Mein Hausarzt sollte mir das verschreiben. Der zierte sich aber, so aus der Ferne könne er das eigentlich nicht. Einen Hausbesuch bot er natürlich nicht an — und ich durfte auch nicht zu ihm. Nach langem Hin und Her verschrieb er mir das Antibiotikum dann doch. Dass Schleimlöser zudem helfen können: Keiner sagte es mir und auch mein Arzt wusste davon nichts. Eine Corona-Infektion, so sagte er, sei nämlich immer was für Krankenhausärzte.

Meine Atemnot machte mir weiter zu schaffen, ich rief den Notarzt. Im Grunde aber nur, damit überhaupt mal jemand mit medizinischer Ausbildung einen Blick auf mich wirft.

Die beiden Sanitäter, die kamen, blieben in voller Schutzmontur vor der Haustür stehen, beschimpften mich gut hörbar für die ganze Nachbarschaft, weil ich nicht geimpft bin.

Meine Sauerstoffsättigung wäre in Ordnung, erklärten sie dann. Dieser Moment blieb der einzige Kontakt zu jemandem mit medizinischem Background während meiner Quarantäne.

Meine Situation besserte sich dann auch im Laufe der Tage. Ich recherchierte selbst, wie ich das mit der Atemnot ein wenig beheben konnte. Meist auf Seiten von Leuten, die die öffentliche Meinung heute als Spinner abtut. Bei jenen Medien, die den eigenen Anspruch nähren, stets allumfassend zu informieren, findet man natürlich viel über Corona. Aber wie jemand, der mit leichtem bis mittlerem Verlauf isoliert ist, sich selbst behandeln kann, darüber findet sich dort wenig bis nichts. Solche Praxisempfehlungen sind ja auch nicht wirklich sensationell und aufmerksamkeitswirksam.

Ich hatte den Eindruck, dass die gesamte Quarantäne aus Warten bestand. Zunächst wartet man, ob sich ab dem fünften Tag die Symptome verschlechtern. Später wartet man darauf, wieder mal frische Luft atmen zu können. Natürlich gesellt sich irgendwann die Angst dazu. Und keiner ist da, der einen betreut; medizinisch wird einfach nur zugewartet. Offenbar gibt es keinen standardisierten Maßnahmenplan für die Hausärzteschaft. Wir haben uns nach annähernd zwei Jahren Pandemie offenbar endgültig darauf verständigt, infizierte Menschen mit Symptomen zu isolieren und zu warten, wie sich die Lage entwickelt.

Natürlich gehört Geduld zu jeder Erkrankung, das Wort „Patient“ kommt ja nicht umsonst vom lateinischen „patiens“, was so viel wie „erdulden“ oder auch „gedulden“ bedeutet. Aber gerade bei so einer Erkrankung, von der wir täglich hören, dass sie so neu, so einzigartig sei und die mit so vielen Ängsten verbunden ist, kann man doch Menschen nicht bloß wegsperren und medizinisch vernachlässigen. Alles in der Hoffnung, dass der schwere Verlauf ausbleibt.

Nach zwei Jahren „Gesundheitskrise“ schicken wir infizierte und auch erkrankte Menschen in eine unbetreute Einsamkeit — da sitzen sie dann, vernehmen Angstmeldungen aus der Presse und drehen langsam aber sicher durch.

Und kein medizinischer Dienst nimmt sich ihrer an, man ist abgeschnitten von der Welt und sitzt in seinen Verhältnissen. Wer einen Balkon hat: Er wird es zu danken wissen, ein Stuhl in Frischluft wird da zum Thron. Aber was ist mit den anderen, die in kleinen Ein-Zimmer-Wohnungen leben müssen? Oder gar im Souterrain?

Überhaupt wurde im Laufe der Krise nie thematisiert — auch nicht von den Linken, jedenfalls nicht mit Nachdruck —, dass die Pandemie die soziale Schere nicht nur vergrößert, sondern auch recht deutlich aufzeigt. Als die Pandemie begann und man den Menschen sagte, sie sollten daheim bleiben, da war das leicht so gefordert. Denn wenn ich im Taunus in einem hübschen Häuschen lebe, Garten hintendran, sieht das Daheimbleiben nun mal ganz anders aus als mitten in der Großstadt, wo 30 Quadratmeter schon sündhaft teuer sind. Eine Quarantäne mag in einer Villa gar nicht sonderlich schwer fallen — in einer Mikrowohnung tut sie es auf alle Fälle.

Gäbe es Studien über die Quarantäne, wie sie auf die Menschen wirkt, wie das Quarantäneumfeld die Genesungsqualität und -geschwindigkeit beeinflusst, wie soziale Vereinsamung mitspielt, all diese Punkte halt, müsste man sie als soziale Milieustudie begreifen. Denn außer Frage steht, dass die Menschen die Separation ja unter qualitativ verschiedenen Prämissen antreten.

Dass die nicht auf das Gemüt, auf die Psyche schlagen sollten, diese Hoffnung ist naiv.

Wenn ich in dieser Zeit auch mal eine Runde durch einen Garten drehen kann, mit meiner Atemnot nicht im stickigen Zimmer liege, sondern in einem Gartenstuhl im Freien: Das macht doch einen Unterschied für die Atmung ebenso wie für die psychische Gesamtverfassung. Von Weitem sieht man vielleicht sogar Menschen auf dem Nachbargrundstück. Man ist isoliert, aber nicht völlig weggeschlossen. Vielleicht winkt sogar mal jemand aus der Ferne, nimmt einen wahr. Das ist mehr, als der städtische Quarantäne-Patient erhoffen darf.

Nachdem ich endlich wieder ins Freie treten durfte, unterhielt ich mich mit einigen Menschen, die die zwei Wochen in Einsamkeit schon hinter sich hatten. Fast alle teilten meine Empfindungen, sie fühlten sich alleingelassen, nicht mehr wahrgenommen. Ihre Hausärzte schwiegen, fast könnte man meinen, es gäbe keinen Behandlungsvorgaben für diese Klientel. Ganz wenige berichteten mir aber, dass ihr Hausarzt gelegentlich angerufen habe, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. So ist es übrigens lediglich in Schleswig-Holstein vorgegeben: Hausärzte müssen dort Kontakt halten zum Patienten. Jedenfalls tat ihnen der Anruf gut, sagten sie mir. Sie fühlten sich betreut. Nicht gänzlich ausgestoßen. Aber dass sich die Psyche auf die Genesungsqualität auswirkt, davon spricht keiner mehr in einem Land, dass psychologische Notfälle am Fließband produziert.

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AUTOR

Roberto J. De Lapuente

DATUM

Januar 12, 2022

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