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Modissa war Mitte – mittelmässig

Der Untergang des Zürcher Modehauses Modissa, das im Sommer dieses Jahres geschlossen werden soll, war nur eine Frage der Zeit. Was 1944 für die emanzipierte Nachkriegs-Zürcherin eröffnet wurde, ist heute nicht mehr zeitgemäss.

„Die Zürcherin“, die ihre elegante Mode an der Bahnhofstrasse einkauft, gibt es immer weniger.

Die jungen Zürcherinnen kaufen ihre Jeans und Fähnchen für 48 Stunden in den globalen Shops ein, deren Niederlassungen an der Zürcher Bahnhofstrasse massiv zugenommen haben.

Modissa lag mit ihrem Angebot falsch, weil in der Mitte. Deshalb war Modissa mittelmässig. Das ist eine Positionierung ohne Zukunft, sei es für Textil, für Uhren oder alles andere.

Wer in Zürich wirklich Geld hat, kauft bei einer der grossen Modemarken. Wer kein oder wenig Geld hat, geht nicht zu Modissa.

Damit setzt sich der Ausverkauf an der Zürcher Bahnhofstrasse immer schneller fort. Mit Modissa verschwindet ein weiteres der alten Zürcher Textilgeschäfte.

Es war nicht eine blutige Übernahme, die in Zürich und Winterthur die Wende brachte. Es ist vielmehr eine Art Selbstmord. Oft fuhr ich mit meiner Frau an den Modissa-Fenstern vorbei und sah, wie die Qualität des Angebots immer mehr absank.

Offensichtlich ist das Schiff Modissa rettungslos verloren, denn das Haus gehört der Eigentümer-Familie, bestes Zürcher Goldküstengewäch aus Küsnacht/ZH. Eine Mietsenkung, die sicher möglich gewesen wäre, hätte keine Rettung bedeutet.

Es ist ein Rennen nach oben, das an der Bahnhofstrasse stattfindet. Spitzenleistungen im Angebot, mögen einzelne Stücke auch tausende von Franken kosten, finden immer einen Käufer. Immer häufiger sind es reiche Ausländer, nicht nur Russinnen.

Weil ich gerne einkaufe, gingen wir noch einige Male durch den Modissa-Eingang in das Haus. Der alte Ruf lockte. Aber da war kein Eingang, da war keine Grösse, kein Stil.

Echte Innovationen im Angebot waren kaum zu finden. Die alten Abteilungen für Männer und Frauen waren nur wenig verändert. Was früher Umsatz und Marge brachte, fand immer weniger Käufer. 

Was lief falsch mit Modissa?

Der Trend ist nicht mehr der „Friend“ der alten Geschäfte an der Bahnhofstrasse. Globus soll den grossen Sprung nach oben machen. Möglich ist es, denn Zürich hat eine grosse Zukunft, aber sie wird von neuen Menschen aus aller Welt gestaltet und getragen.

Die Stadt ist voller SUVs aus den reichen Kantonen Zug und Schwyz. Aus dem Warenhaus Manor wird ein neuer Multifunktionsbau. Gross Couture, einer der elegantesten Läden an der Zürcher Bahnhofstrasse, zieht in 14 Tagen um Richtung Weinplatz. Es folgt eine italienische Modekette.

Bei Modissa wurde die Nachfolge viel zu spät geregelt. Die Rettung hätte mindestens zehn Jahre früher beginnen müssen.

Die BIG-Jeansläden sind ausgeklammert. Sie werden von jungen Leuten geführt, deren Herzblut dort fliesst. Ob sie es schaffen, allein, in diesem Gegenwind?

Zürich und die Zürcher Bahnhofstrasse erleben jetzt, fast 80 Jahre nach dem letzten grossen Krieg, ihre grosse Neugestaltung. Dieser Prozess steht erst am Anfang.

Die Alt-Zürcher weinen und suchen ihre Vermögen zu retten. Den Neu-Zürchern ist dies gleichgültig, denn der Wind des Fortschritts beschert ihnen immer neue Wunder. 

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AUTOR

Klaus Stoehlker

DATUM

Januar 14, 2022

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