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Corona-Politik: Den gordischen Knoten zerschlagen

Die Impfung weise den Weg aus der Pandemie, tönt es aus politischen und medialen Kehlen. Autoritäres Vorgehen bis hin zur Impfpflicht soll jeden Zweifel daran ersticken. Alexanders legendärer Hieb auf den gordischen Knoten steht für eine erfolgreichere Strategie.

Die Spaltung eines Gemeinwesens in einander nicht mehr tolerierende Gruppen beginnt häufig mit der irrtümlichen Wahrnehmung eines Interessenkonfliktes als Dilemma, dessen Auflösung die vollständige Kapitulation einer Seite verlangt. Befördert wird diese intellektuelle Verfehlung durch die Unterwerfung unter das Vorsorgeprinzip, das jegliche Veränderung von Lebensumständen als primär gefährlich zu betrachten verlangt und der Minimierung von Risiken einen Vorrang gegenüber der Nutzung neu entstehender Chancen einräumt.

Was in seiner praktischen Umsetzung die Politik zu mitunter weit vorausgreifenden und daher zwangsläufig von tatsächlichen Entwicklungen entkoppelten Maßnahmen zwingt. In der Verbindung mit statischem Denken, das die Rahmenbedingungen der Gegenwart unverändert in die Zukunft projiziert oder gar an denen der Vergangenheit klebt, führt dann die Absicht, einen mutmaßlichen Schaden so gering wie möglich zu halten, in ausweglose Zwickmühlen. Jenseits der Wahl zwischen Pest und Cholera scheint keine Option zu existieren. Man ist im Weichenstellerproblem gefangen.

In diesem moralphilosophischen Gedankenexperiment rast ein Zug auf einen mit fünf Arbeitern besetzten Streckenabschnitt zu. Über eine Weiche könnte die Bahn auf ein Nebengleis gelenkt werden. Auf diesem jedoch befindet sich eine andere Person. Die Katastrophe ist grundsätzlich unvermeidbar, was auch immer man unternimmt. Die meisten Menschen würden wohl die Weiche umstellen, scheint doch bei oberflächlicher Betrachtung die Rettung von fünf Leben auf Kosten eines anderen ethisch geboten.

Obwohl dieses Vorgehen als Tötungsdelikt gewertet werden könnte, dem im Falle der Passivität höchstens eine geringer sanktionierte unterlassene Hilfeleistung gegenüberstünde. Dennoch verkaufen vor allem Politiker jeden regulatorischen Eingriff in Freiheitsrechte mit dem Verweis auf die gefühlte Notwendigkeit, von zwei oder mehr absehbaren Übeln das geringere wählen zu müssen.

So werden die Kollateralschäden einer rigide auf die Bremsung der Ausbreitung eines neuen Virus ausgerichteten Pandemiestrategie mehr oder weniger stillschweigend in Kauf genommen. Bilder von Intensivstationen, auf denen schwer Erkrankte um ihr Leben ringen, vermitteln nun einmal eine höhere Dramatik als Berichte von Firmenpleiten oder depressiven Schülern. Da soll der Zug statt manchem Risikopatienten dann doch lieber Künstler, Gastwirte, Einzelhändler oder Dienstleister treffen, die ein faktisches Berufsverbot ebenfalls existenziell bedroht.

Die derzeit diskutierte Impfflicht statuiert in dieser Hinsicht ein weiteres Exempel. Manche Menschen werden aufgrund allergischer Reaktionen, überschießender Immunantworten oder sonstiger Komplikationen durch eine Impfung schwere Schäden bis hin zum Ableben erleiden. Dies ist, da bereits vorgekommen, als Fakt anzusehen. Auf der anderen Seite finden sich jene, denen man auch gegen ihren Willen einen besseren Schutz vor schweren Krankheitsverläufen verabreicht und die dadurch potenziell einem zu frühen Tod entgehen. Wieder steht eine Weichenstellung bevor, die als erforderliche Wahl zwischen zwei jeweils für sich äußerst kritischen Szenarien begründet wird.

Der Minister will dem Parlament „zuarbeiten“

Wobei die Antwort auf die Frage, welcher Verlust gerade noch tolerabel ist und welcher die Grenze des Hinnehmbaren überschreitet, von individuellen Perspektiven und Maßstäben abhängt. Deren Unterschiedlichkeit bedingt die durch lenkende Eingriffe ausgelösten Verwerfungen. Zumal in keinem Fall, auch über die genannten Beispiele hinaus, zweifelsfrei festgestellt werden kann, auf welchem Gleis sich tatsächlich mehr Menschen aufhalten. Irrational und ideologischer Instrumentalisierung zugänglich ist daher jeder Diskurs, der dennoch auf die Aufrechnung von beliebig kalkulierbaren Opferzahlen fokussiert.

Ein Werkzeug zur Untersuchung ethisch/moralischer Grundeinstellungen wie das Weichenstellerproblem taugt als Ratgeber für die Praxis gerade nicht. Sein imaginärer Charakter beruht auf künstlich geschlossenen, in der Realität aber offenen Auswegen. In der es einen Zugführer gibt, der aufgrund seiner eigenen Situationseinschätzung oder externer Hinweise rechtzeitig bremsen könnte. In der immer Möglichkeiten bestehen, die Menschen auf den Gleisen rechtzeitig zu warnen. Und in der Letztere keine dummen Automaten sind, sondern flexible und vernunftbegabte Subjekte. Nicht einzugreifen ergibt durchaus Sinn, da die fünf Arbeiter die nahende Bahn mit höherer Wahrscheinlichkeit bemerken als der eine, vielleicht gedankenversunkene Spaziergänger.

Aufzuklären und darüber hinaus vor allem nicht restriktiv zu handeln, ist also immer eine Option für eine Politik, die den eigenverantwortlichen Bürger respektiert. Wenn ein selbsternannter Weichensteller das Problem nicht oder nur in Form eines faulen Kompromisses überwinden kann, überlasse man es doch den unmittelbar Beteiligten, seien es der Lokführer, die Gleisarbeiter, der Spaziergänger, oder auch denjenigen, die die Strecken planen, die Betriebsabläufe überwachen und die Eisenbahnen konstruieren. Also den Gruppen, die eine Lage schaffen können, in der es schlicht unerheblich ist, ob und wie man die Weiche stellt, da in keinem Fall etwas Schlimmes geschieht. Es erstaunt, wie wenig dieses Rezept trotz seiner Erfolgsgeschichte in den gegenwärtigen Debatten wahrgenommen und thematisiert wird.

Ein Diskussionsbeitrag von Paul Cullen

Erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts lösten beispielsweise Krebs und Herz-/Kreislauf-Leiden in Europa die Infektionskrankheiten als Haupttodesursachen ab. Eine überaus positive, da mit einer deutlichen Erhöhung der mittleren Lebenserwartung verknüpfte und vom Rest der Welt mittlerweile nachvollzogene Entwicklung. Zurückzuführen ist sie primär auf eine sowohl quantitativ wie qualitativ enorm verbesserte Nahrungsmittelversorgung, auf die Verfügbarkeit sauberen Trinkwassers, auf die Installation sanitärer Einrichtungen und die mit diesen verbundene Abführung, Reinigung und Wiederaufbereitung von Abwässern.

Weitere wichtige Beiträge lieferten die Verdrängung der Hausratte durch den Übergang von einer auf Lehm, Stroh und Holz beruhenden Fachwerkbauweise zu Beton, Stahlbeton oder Ziegeln sowie das regelmäßige Wechseln und Reinigen der Kleidung. Auch das Verschwinden des Pferdes und seiner Hinterlassenschaften von den Straßen, die organisierte Entsorgung von Unrat, die Verminderung der Luftverschmutzung und die Trockenlegung von Mooren dürfen nicht unterschätzt werden.

Auf dieser Basis konnten schließlich neue Medikamente und Therapien ihre segensreiche Wirkung erst umfänglich entfalten. Die Impfung spielte schon immer nur eine untergeordnete Rolle. Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts stand ohnehin nur eine einzige zur Verfügung (gegen die Pocken), und bis heute bietet diese Methode nur gegen eine kleine Zahl humanpathogener Erreger einen wirksamen Schutz. Warum angesichts einer solchen historischen Erfahrung ausgerechnet die prophylaktische Immunisierung durch ein Vakzin als Königsweg aus der Pandemie verkauft wird, erschließt sich nicht.

Ein rasch mutierendes Virus kann nämlich durch eine Impfung nicht aufgehalten werden, wie Influenza oder HIV längst gelehrt haben. Ein Virus, das Menschen und Tiere gleichermaßen als Vektoren nutzt, kann mit diesem Instrument nicht ausgerottet werden, wie Ebola oder Marburg zeigen. Ein sich unauffällig durch die Luft verbreitendes Virus lässt sich ohnehin nicht stoppen. SARS-CoV-2 weist gleich alle drei dieser Eigenschaften auf und deswegen ist die verfolgte Maxime der Verringerung der Inzidenz zum Scheitern verurteilt.

Die verfügbaren Daten, die eine von Welle zu Welle steigende Zahl an Kontaminationen zeigen, belegen dies eindeutig. Seit fast zwei Jahren werden dessen ungeachtet überkommene, mittelalterliche Methoden wie Kontaktbeschränkungen, Veranstaltungsverbote, Geschäftsschließungen oder gar Gesichtsmasken vollkommen vergeblich eingesetzt. Im festen Glauben, den Zug in Richtung einer von der Mehrheit der Wähler akzeptierten, da vermeintlich geringeren Belastung umlenken zu müssen.

Es wäre sinnvoller gewesen, die Weiche niemals anzurühren. Die fünf Gleisarbeiter sind jedenfalls selbst dann ausreichend gegen den Aufprall des Erregers geschützt, wenn sie nicht einfach zur Seite treten. Dinge wie das mehr als hinreichende Angebot an Kalorien und Nährstoffen, wie Wassertoiletten, Kanalisationen, Wasch- und Spülmaschinen und die Müllabfuhr haben natürlich nicht die Keime selbst gebannt, aber das Spielfeld, auf dem sie mit uns ringen, zugunsten der Menschen neu gestaltet.

Das vierzehnte Jahrhundert ist vergangen, der schwarze Tod überwunden, und er könnte unter den modernen Bedingungen seine frühere Zerstörungskraft auch nicht mehr entfalten. Eine sich sogar erheblich schneller verbreitende, in wenigen Wochen um den ganzen Planeten fegende und dabei weit mehr Menschen erreichende Zoonose wie Covid-19 rafft uns trotz fehlendem natürlichen Immunschutz eben nicht mehr in großer Zahl dahin.

Stattdessen erreichen heute selbst schwer erkrankte Infizierte rechtzeitig, bevor sie sterben, ein Gesundheitswesen, das in seinem Umfang und seiner Effektivität ohne die oben genannten Grundlagen ebenfalls nicht denkbar wäre. In diesem Triumph wieder eine neue Krise zu erkennen und dabei mit Stichworten wie „Überlastung der Intensivkapazitäten“ oder gar „Triage“ zu operieren, stellt einen unrühmlichen Höhepunkt bigotter Corona-Misanthropie dar. Finanzierung, Verwaltung und Ausstattung von Krankenhäusern sind schließlich keine sakrosankten Dogmen. Man kann auch hier die Prozesse und Strukturen ändern, um Flexibilität und Leistungsvermögen zu steigern. Und schließlich die Kraft der Wissenschaft auf die Entwicklung von Medikamenten und Therapien lenken, die dem Virus endgültig den Stachel ziehen.

Coronapolitik statt Vernunft

Es bliebe eine für nahezu alle Menschen folgenlose, weil selbst bei ungünstigen Verläufen heilbare Erkältungskrankheit übrig, die gerade keine spezifischen Weichenstellungen erfordert. Auseinandersetzungen über Lockdowns, vom Impfstatus abhängige Zugangsbeschränkungen oder die Impfflicht wären überflüssig. Die Impfung addiert ja lediglich eine zusätzliche Komponente zu einem längst errichteten Gebäude, das auch ohne sie schon sehr gut vor Krankheiten und deren Folgen schützt. Sie ist beileibe nicht dessen Fundament, sondern höchstens ein weiteres Sicherheitsschloss.

Das Weichenstellerproblem existiert nur für jene, die sich dessen Blickwinkel aufzwingen lassen und außerstande sind, die Perspektive zu wechseln. Wenn auf jedem Gleis ein Unglück lauert, baue man das Schienennetz um. Die neuerdings kursierende Angst vor dem Ausfall kritischer Infrastrukturen und Versorgungsketten durch zu viele Infektionen dort Beschäftigter in zu kurzer Zeit würde beispielsweise durch die Abschaffung der Quarantänepflicht sofort ihrer Grundlage beraubt.

Die Isolierung positiv Getesteter ergibt ohnehin keinen Sinn, wenn unter allen anderen das Virus weiterhin unbemerkt frei zirkuliert. Zu einer mehr als einer halbgaren Verkürzung der Absonderungszeiten sieht sich eine von Denkverboten gefesselte Politik aber nicht in der Lage. Ein paar Waggons vom Zug abzukoppeln und dann auf eine Kollision geringerer Schwere zu hoffen, täuscht Lösungswillen nur vor.

Der sich vielmehr darin äußert, gegen selbstauferlegte, mitunter nur an tradierten Konventionen orientierte und daher im Grunde willkürliche Vorgaben zielgerichtet zu verstoßen und die Spielregeln in geeigneter Weise umzuschreiben. Die Abkehr von vorsorgender Prophylaxe zur Vermeidung von Risiken, die zwar viele beschützt, aber niemals alle, und die Fokussierung auf die nachsorgende Schadensminimierung für jeden Einzelfall wären ein überaus wirkungsvoller Paradigmenwechsel. Der alle gesellschaftlichen Konflikte in Bezug auf die Pandemie befriedigt. Weil er den gemeinsamen Wunsch nach Neutralisierung der Bedrohung perfekt erfüllt und gleichzeitig jeden strittigen Punkt obsolet macht.

Niemand muss seine Position hinsichtlich der erforderlichen Weichenstellung ändern, wenn der Zug nur mehr Schritttempo fährt. Es ist nicht notwendig, einen gordischen Knoten mühsam zu entwirren, ganz gleich, was die Auguren sagen. Ein Hieb mit dem Schwert ersetzt das Gefummel mit Nadeln manchmal höchst effektiv. Von Alexander lernen heißt siegen lernen.

Addendum: Die Inspiration zu diesem Text lieferte der geschätzte Autorenkollege Christian Rieck mit seinem sehr empfehlenswerten Videokanal zur Spieltheorie. Das von ihm in diesem Beitrag in Anlehnung an das Weichenstellerproblem konstruierte Dilemma löst sich übrigens in Wohlgefallen auf, wenn man den Wald einfach fällt …

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AUTOR

Peter Heller

DATUM

Januar 28, 2022

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