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Der Aggressionsmythos

Published On: 10. August 2021 15:00

Die Lehre vom ererbten Aggressionstrieb oder -instinkt gehört zu den umstrittensten Formeln, mit deren Hilfe Psychoanalytiker und Tierverhaltensforscher Probleme der politischen und sozialen Situation, ja der Geschichte des menschlichen Zusammenlebens schlechthin zu erklären suchen. Doch die Selbstverständlichkeit, mit der im Anschluss an Konrad Lorenz (1903 bis 1983) von einem angeborenen Aggressionstrieb gesprochen wird, ist keinesfalls berechtigt. Das zeigen Vertreter verschiedener Wissenschaften im Sammelband „Der Mythos vom Aggressionstrieb“ auf (2). Lorenz war ein österreichischer Vertreter der „Tierpsychologie“. Nach den Erkenntnissen der Humanwissenschaften Anthropologie, Soziologie und Psychologie ist der Mensch von Natur aus gut und nicht böse.

Der Mensch hat eine Tötungshemmung, eine ursprüngliche Aversion zu töten. Damit er den Mitmenschen aber trotzdem angreift, muss diese Hemmung durch entsprechende Erklärungen ausgeschaltet werden. Der deutsche Philosoph Arno Plack nennt sie in dem oben erwähnten Sammelband aus den 1970er-Jahren:

„Dass ein vitales Gewissen sich sträubt, Mordbefehle auszuführen, damit hatten und haben allemal militante Führer zu rechnen. Und sie trugen dem Rechnung durch eine über die Jahrhunderte hinweg gleichgebliebene Erklärung, dass es sich bei dem jeweils befehdeten Volk oder der verfolgten Gruppe eigentlich gar nicht um richtige Menschen handle, sondern um ‚höhere Tiere‘ — so Papst Paul III. über die Indianer — oder um ‚Bestien‘, ‚Heiden‘, ‚Hexen‘, ‚Untermenschen‘, ‚Ungeziefer‘ gar, das man vertilgen müsse. So greift Manipulation des Bewusstseins vonseiten mordlüsterner Machthaber ein, um die Menschen, die noch anders empfinden, auf Vordermann zu bringen“ (3).

Diese Auffassung Placks wird durch neuere Fachliteratur bestätigt. Für den renommierten amerikanischen Sozialpsychologen und Gewaltforscher Philip Zimbardo ist es die Macht der Umstände, die den Menschen zum Gewalttäter und Mörder macht. Zimbardos These in seinem Buch „Der Luzifer-Effekt“ lautet:

„Nicht die Veranlagung bringt gute Menschen dazu, Böses zu tun, sondern die Situation, in der sie sich befinden oder in die man sie versetzt“ (4).

Voraussetzung für die Taten sei, dass die Opfer zu einer Bedrohung erklärt und gleichzeitig entmenschlicht würden. In Ruanda verkündete die Hutu-Regierung, Tutsis seien nichts weiter als „Kakerlaken“ und hätten deshalb den Tod verdient. Deutsche Nazis stellten Juden als gefährliches „Ungeziefer“ dar.

Heute wird die große Gruppe der nicht geimpften Mitbürger von den Adlaten des teuflischen Kults zur lebensbedrohlichen Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerungsgruppe der bereits Geimpften erklärt, die dringend bekämpft oder gar aus der menschlichen Gemeinschaft ausgeschlossen werden solle.

Selbstständig Denkende werden seit Langem als verwirrte „Querdenker“, als unverbesserliche Verschwörungstheoretiker und damit als Bedrohung für die Regierenden diskriminiert — und zum Abschuss durch die Massenmedien freigegeben. Wohin wird das führen, wenn sich immer mehr autoritätshörige, regierungstreue Mitbürger dieser menschenfeindlichen und gefährlichen Sichtweise anschließen — und die Opfer dieser staatlichen Diskriminierungskampagne sich das nicht gefallen lassen werden? Die weltweiten Demonstrationen und der offensichtliche Einsatz unverhältnismäßiger Gewalt von beauftragten Polizeikräften lässt nichts Gutes erahnen.

Die Vorgeschichten vergangener Bürger-, Regional- und Weltkriege bieten genug Anschauungsmaterial, um hellhörig und doch noch einsichtig zu werden. Hierzu zählt auch die seit Jahren andauernde Verunglimpfung des russischen Präsidenten und russischer Bürger als eine Methode der psychologischen Kriegsführung.

In einem Artikel des österreichischen Wochenblick vom 3. Juli 2021 wird die Holocaust-Überlebende Vera Sharav mit den Worten zitiert: „Die Geschichte wiederholt sich“ (5). Es ist wert, längere Passagen aus diesem Artikel wörtlich zu zitieren:

„Vera Sharav überlebte als Kind den Holocaust. Sie schildert: ‚Als ich nach New York kam, fragte ich mich: Wo waren alle? Wo waren alle, als ich in der Hölle war?‘ Gerechtigkeit und das Nichtwegschauen, wenn Unrecht geschieht, ist Sharav deswegen ein großes Anliegen. Sucharit Bhakdi wurde unlängst vorgeworfen, er sei Antisemit, weil er Israel als die ‚Hölle auf Erden‘ bezeichnete. Doch die Holocaust-Überlebende Vera Sharav stimmt ihm zu: ‚Ich wünschte, es wäre nicht so.‘ Die Geschichte wiederhole sich. Sie fordern Nürnberger Prozesse für die Verursacher des COVID-‚Menschheitsverbrechens‘.

Sharav erklärt: Die Naziverbrechen geschahen ohne Widerspruch zum Internationalen Recht. Doch es entstanden die Nürnberger Prozesse, die für Gerechtigkeit sorgten und das Konzept der Verbrechen gegen die Menschlichkeit einführten. Damit so etwas wie in Nazideutschland nicht mehr passieren kann. Der Nürnberger-Kodex wurde im Zuge der Ärzteprozesse (1946) nach dem 2. Weltkrieg eingeführt und sollte den ethischen Umgang der Medien mit Menschen sicherstellen. Doch trotzdem wiederhole sich die Geschichte nun. (…)

Es sei schrecklich für Sharav, nun den Niedergang der Demokratie mitzuerleben. Die verfassungsmäßig sichergestellten Freiheitsrechte wurden außer Kraft gesetzt, wie in Nazideutschland, analysiert die Holocaust-Überlebende. Das sei ein großer Vertrauensbetrug, den die Regierungen gegenüber ihrer Bevölkerung begingen. Sharav kritisiert die israelische Regierung stark. Sie ist schockiert darüber, wie Nichtgeimpfte dämonisiert werden. ‚Unter den Nazis wurden die Juden als Verbreiter von Krankheit stigmatisiert und in Lager gesperrt.‘ Jetzt würde wieder eine Zweiklassengesellschaft geschaffen. Die Gesellschaft werde in Privilegierte und Unterprivilegierte gespalten“ (6).


Quellen und Anmerkungen:

(1) https://de.rt.com/kurzclips/121646-tausende-gegen-gruenen-pass-rom/

(2) Plack, Arno (Hrsg.). (1973). Der Mythos vom Aggressionstrieb. München

(3) A. a. O., S. 33

(4) Zimbardo, Philip (2008). Der Luzifer-Effekt. Heidelberg. Rückseite Buchumschlag

(5) https://www.wochenblick.at/holocaust-ueberlebende-springt-bhakdi-bei-die-geschichte-wiederholt-sich/

(6) A. a. O.

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Rudolf  Hänsel

Rudolf Hänsel, Jahrgang 1944, ist promovierter Erziehungswissenschaftler, ehemaliger Lehrer und Schulberater sowie Diplom-Psychologe mit den Schwerpunkten Klinische Psychologie, Pädagogische Psychologie und Medienpsychologie. Er ist Buchautor sowie Autor von Fachartikeln zu den Themen Jugendgewalt, Mediengewalt und Werteerziehung.

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