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Bildungstourismus an Schweizer Unis

Published On: 21. Juli 2021 6:59

Wer Wirtschaftswissenschaften studiert, stösst in den Lehrbüchern selten auf Helvetismen. Die Unterrichtssprache an den Schweizer Wirtschaftsfakultäten ist häufig Englisch. An der Uni Zürich werden Interessenten gleich einmal darauf hingewiesen, dass ohne Englischkenntnisse nichts geht.

Das hat Einfluss auf die Zusammensetzung der Zuhörer. An der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Uni Zürich sind die Schweizer leicht in der Minderheit. Jeder zweite Masterstudent oder Doktorand ist Ausländer (50,5 Prozent), wie aus dem Jahresbericht hervorgeht. 

An der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät findet man Schweizer Talente noch seltener. 71,4 Prozent haben einen ausländischen Pass. Das ist keine Ausnahme. Auf dem gesamten Campus wird mehr Englisch als Mundart gesprochen: Über 44 Prozent der Doktoranden an der Zürcher Uni sind Ausländer.

Sie geniessen die Infrastruktur einer von Bund und Kantonen mit 900 Millionen Franken alimentierten Alma Mater und die enge Betreuung der Professoren. Die Semestergebühren, die sie entrichten, betragen gerade einmal 250 Franken pro Halbjahr.

Zur Einordnung: An der Uni Zürich können Professoren Lohnklasse 25 erklimmen (über 272’000 Franken). Die 250 Franken haben somit den Gegenwert einer Mittagspause eines Professors. Oder:  Damit kann sich die Universität gerade einmal einen Stuhl leisten, Modell Melide, Holz

Die Uni Zürich ist kein Einzelfall. An der Uni Bern beträgt der Ausländeranteil bei den Studierenden der Rechtswissenschaftlichen Fakultät 4 Prozent, bei den Doktorierenden dann plötzlich 42 Prozent.

Die Gebühren betragen läppische 200 Franken. An der Uni Basel sind 52,2 Prozent aller Doktorierenden Ausländer. Ihre Semestergebühren belaufen sich auf 350 Franken.

Das Fazit ist klar: An den Schweizer Hochschulen ist da etwas aus dem Ruder gelaufen. Zum Vergleich: In Deutschland betrug 2017 der Anteil der ausländischen Doktoranden bei den kleineren Universitäten 14,8 und 16,6 Prozent bei den grösseren. In Österreich betrug er 2004 17,2 Prozent.

Die Uni Zürich erklärt den hohen Ausländeranteil von 71,4 Prozent dadurch, dass auch Personen ausländischer Staatsangehörigkeit mitgezählt werden, „die ihre schulische Laufbahn, ihr Studium bereits ganz oder teilweise in der Schweiz absolviert haben“.

Von Schweizer Talenten hält man nicht so viel. „Der Bedarf an begabten und hochmotivierten Promotionsstudierenden kann jedoch nicht auf dem Schweizer Markt gedeckt werden.“

Nicht nur die tiefen Gebühren locken ausländische Doktoranden in die Schweiz. Unsere Unis werben sie gezielt ab. So offerieren die Uni Zürich und die ETH Wohnungen für ausländische Doktorierende an, sprechen ihnen Stipendien in Millionenhöhe aus und helfen den Nachwuchsforschenden bei allen Fragen rund um die Einreisepapiere.

Mit den vielen  ausländischen Studierenden versprechen sich die Unis dafür ein höheres Renommee. Die zusätzlichen Kosten können ihnen egal sein, der Bund übernimmt sie. Die Uni Zürich zum Beispiel erhielt letztes Jahr Grundbeträge des Bundes in der Höhe von über 145 Millionen Franken.

Es ist wie bei der SRF-Sendung „1 gegen 100“: Den paar Hundert Franken Semestergebühren stehen gemäss Bundesamt für Statistik jährlich 35’000 Franken Bildungsausgaben pro Student entgegen.

Halb so dramatisch, hätte die Schweiz einen Nutzen von ihren Bildungstouristen. Eine Studie von Economiesuisse kommt aber zum Schluss, dass „kaum 10 Prozent aller Bachelor- und Masterabsolventen tatsächlich auf dem Schweizer Arbeitsmarkt erwerbstätig werden“.  

Economiesuisse geht von rund 180 Millionen Franken aus, die die Schweiz in die Ausbildung von etwa 8’500 Bachelor- und Master-Studierenden aus dem Ausland investiert. Wie teuer die Doktoranden sind, ist nicht bekannt. Bei ihnen fallen zusätzlich hohe Forschungskosten an.  

Viel Anerkennung darf die Schweiz für ihren finanziellen und operativen Effort nicht erwarten. So hat die EU erst kürzlich verlauten lassen, dass sie nach dem Scheitern des Rahmenabkommens die Schweizer Unis nur noch teilweise am europäischen Forschungsprogramm „Horizon Europe“ teilnehmen dürfen.

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