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Kultur-Kompass: „Kapitalismus: Das unbekannte Ideal“

Published On: 1. August 2021 16:00

Man könnte Ayn Rand für ein amerikanisch-russisches Orakel der Nachkriegszeit halten. Erstaunlich, wie zutreffend ihre Aussagen waren. Damals wie heute. 

Man könnte Ayn Rand für ein amerikanisch-russisches Orakel der Nachkriegszeit halten. Erstaunlich, wie zutreffend ihre Aussagen waren. Damals wie heute. Über den Kapitalismus, über den Sozialismus, über die Gesellschaft. Dabei war sie jedoch „nur“ eines: eine brillante und scharfe Beobachterin.

Von ebendieser Beobachtungsgabe kann sich der Leser abermals in „Kapitalismus: Das unbekannte Ideal“ verzaubern lassen. Es ist ein schwerer Brocken. Sowohl inhaltlich als auch vom Umfang. Knapp 400 Seiten umfasst das Werk. Einerseits. Andererseits geht es teilweise in die Niederungen der existenziellen und philosophischen Grundlagen des Mensch-Seins.

Trotzdem liest sich das Buch angenehm. Zum einen, weil es kein zusammenhängendes, in sich geschlossenes Werk ist. Vielmehr stellt es eine Sammlung von insgesamt 24 Aufsätzen dar, Vorträge und Artikel aus den Jahren 1959 bis 1967, gepaart mit Textauszügen aus anderen Werken Rands.

Ohnmacht und der Entfremdung überwinden

Zum anderen bewegen sich Rand und ihre Mitstreiter weder im philosophischen Elfenbeinturm der Artikulation noch blähen sie ihre Ausdrucksweise künstlich avantgardistisch und pseudointellektuell auf, wie etwa durch die Nutzung eines Doppelpunktes oder anderen Distinktionsmerkmalen. Stattdessen schreiben sie verständlich, pointiert und halten sich an Regeln der geltenden Grammatik.

Zudem nutzen Rand und Mitverfasser die Regeln der Logik und ihren Verstand. Beides lässt sie zu dem Schluss kommen, wie essenziell philosophische Grundlagen sind, wenn es um die Frage „Kapitalismus oder Sozialismus“ geht. Konkret stehen die philosophischen Werttheorien im Vordergrund. Hierbei stelle die objektive Werttheorie, die weder Gefühle noch Ideologien zulasse, sondern auf der Ratio fußt, die präferierte Theorie vernunftgeleiteter Menschen dar.

Nur diese objektive Werttheorie ermögliche dem Menschen die größtmögliche Freiheit. Nur hier könne sich der Mensch nach seiner Potenzialität entfalten. Nur hier könne der Mensch seine Gefühle der Ohnmacht und der Entfremdung überwinden. Letztlich zum und für das Wohlergehen seiner Mitmenschen.

Allgemeinwohl über Recht des Einzelnen

Doch „[von] allen Gesellschaftssystemen der Geschichte ist der Kapitalismus das einzige System, das auf einer objektiven Werttheorie beruht“. Kollektivistische Gesellschaften stünden dem diametral gegenüber. „Es ist offensichtlich, dass die ideologische Wurzel des Dirigismus (oder des Kollektivismus) die Stammesprämisse vorzeitlicher Wilder ist, die unfähig sind, individuelle Rechte zu verstehen, und die glauben, dass der Stamm der höchste, allmächtige Herrscher ist, dem das Leben seiner Mitglieder gehört und er sie ‚zu ihrem eigenen Glück‘ opfern darf, wenn er es will“. Eben dieser Dirigismus ersticke jeglichen Individualismus und letztlich die Freiheit des Einzelnen.

Erste Anzeichen dieser „Bandenherrschaft“, wie es Rand bezeichnete, sieht man heute noch deutlicher als zu Zeiten Rands. Eine Gruppe selbsternannter Gerechtigkeitskämpfer möchte entgegen dem Willen der Mehrheit gesamtgesellschaftlich den Genderstern aufzwingen. Eine andere Gruppe von Corona-Impfbefürwortern möchte Impfvorsichtigen die Impfung indirekt aufzwingen – etwa durch Zugangshürden, um am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen oder selbst zuzahlende Corona-Schnelltests. In beiden Fällen stellen Verfechter das Allgemeinwohl über das Recht des Einzelnen. Laut Rand typische Charakteristika kollektivistischer, unfreier Gesellschaften.

Wer also mehr über die gesellschaftlichen Vorgänge von heute verstehen möchte und sich die Frage stellt, inwiefern kollektivistische Züge in unserem Gesellschaftssystem schon etabliert sind, dem sei „Kapitalismus: Das unbekannte Ideal“ wärmstens empfohlen.

Weil die Welt von heute doch eine andere als damals ist, bedürfte es hier und dort einiger Veränderungen. Nichtsdestotrotz versüßt eine Vielfalt von Themen rund um den Kapitalismus den Lesegenuss und macht die Lektüre zu einem abwechslungsreichen und intellektuellen Erlebnis. Hoffentlich auch mit der Erkenntnis: „Nicht sehen, Watson, beobachten“, wie Meisterdetektiv Sherlock Holmes wusste. Und offensichtlich auch Ayn Rand.

„Kapitalismus: Das unbekannte Ideal“ von Ayn Rand, 2017, Jena: TvR Medienverlag. Hier bestellbar.

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