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Das geht doch gar nicht! Doch!

Veröffentlicht am 5. August 2021 von PA.

Lerne loszulassen, das ist der Schlüssel zum Glück.

Buddha

Der letzte Donnerstag war der einzige richtig schöne Tag der Woche. Kurzerhand entschied ich mich, der Pflege-Spitex abzusagen und mit meinem aufgrund eines Hirnschlags pflegebedürftigen Mann mit dem Auto in die Stadt Zürich zu fahren.

Die Limmat wechselte im Laufe der sechs Stunden immer wieder ihre Farbe.

Bild: Patricia Rutz

Morgens fragte mich die Spitex, ob denn das gehen würde mit dem Rollstuhl, alleine, ohne Hilfe? Ja natürlich entgegnete ich ihr. Seit einem Dreivierteljahr unternehme ich alles möglich mit meinem Mann. Ich passe mich einfach seiner Tagesform an.

Die Kraft dazu kann ich nur schöpfen, indem ich mir auch Freiräume nehme. Am Anfang hatte ich das Gefühl, dass ich alles alleine bewerkstelligen könne. Doch im Frühjahr, als ich merkte, dass es mit der Genesung meines Mannes stockte – manchmal gar nicht mehr, gar nie mehr, vorwärts zu gehen schien – musste ich mich entscheiden.

Das Pflegeheim, das mir immer vorgeschlagen wurde, wenn ich den Kopf hängen liess, kam für mich nach wie vor nicht in Frage. Die Situation hat sich dort seit den Achtziger-Jahren nicht verändert. Die Entscheidung, meinen Mann zuhause zu behalten, fordert von mir viele Opfer.

Ein Wolkenspiel an der Limmat.

Bild: Patricia Rutz

Jeden Morgen um 8 Uhr kommt die Pflege-Spitex für die Körperpflege, dann um 9 Uhr die Betreuung. Um 14 Uhr kommt die Ablösung. Diese bleibt danach bis 19 Uhr 30. Die nachfolgenden Stunden übernehme ich alleine, bis die Sitzwache kommt. Es ist also dauernd jemand in den privaten Räumen, die auch ich beanspruche. Manchmal nervt mich das.

Doch dann sehe ich für einen kurzen Augenblick die leuchtenden Augen meines Mannes, so auch in Zürich. Wir zwei wieder einmal alleine unterwegs. Sechs Stunden verweilten wir in der Stadt. Mal sass er im Rollstuhl, mal ging er zu Fuss, dann tranken wir wieder Kaffee an der wunderschönen Limmat, trafen einen Strassenmusiker, der ein Lied für meinen Mann spielte.

Später am Nachmittag wechselten wir die Seite der Limmat und gingen ins Niederdorf. Immer wenn wir mit dem Rollstuhl unterwegs sind, gibt es beschwerliche Situationen. Es sind nicht nur die Stufen des Trottoirs. Von der Limmat ins Niederdorf geht es steil aufwärts. Eine Wienerin kommt uns zu Hilfe. Mein Mann lächelt sie an, bedankte sich in seiner galanten Art.

Münsterplatz beim Fraumünster Zürich.

Bild: Patricia Rutz

Eine freundliche Verkäuferin eines Kleidergeschäfts überredete uns, ein paar Hosen und T-Shirts zu kaufen, dann suchten wir uns ein Plätzchen für das Abendessen. Während dem Essen unterhielten uns Strassenkünstler, doch leider nur für kurze Zeit. Schon bald standen drei vollausgerüstete Polizisten da und forderten die Künstler nach einer kurzen Diskussion auf, den Platz wieder zu räumen. Schade!

Das Restaurant hatte einen getakteten Fahrplan. Wir mussten um 20 Uhr fertig sein, da schon die nächsten Gäste warteten. Wieder gingen, respektive «rollten» wir der Limmat entlang zurück zum Sächselüüteplatz. Dort gab es einen italienischen Espresso und eine «torta di pere». Der Platz lebte richtig, überall in der Altstadt war viel Leben. Nur im Spezialgeschäft erinnerte die generelle Maskenpflicht an die Corona-Zeit.

Ein lebendiger Sächselüüteplatz vor dem Sonnenuntergang.

Bild: Patricia Rutz

Der Tag endete mit einem prächtigen Sonnenuntergang inmitten gut gelaunter Menschen, die sich unterhielten. Ein singender Künstler gab sein Bestes vor dem Opernhaus. Plötzlich sagte mein Mann, dass er auf die Toilette müsse. Nicht weiter schlimm – doch, denn er hatte Angst, dass wir danach gleich nach Hause gehen würden. Warum auch, meinte ich. Als wir uns auf den Weg ins Parkhaus machten, dämmerte es schon.

Zwei glückliche Menschen, die nach Hause zurück fuhren, war das Ergebnis. «Das machen wir wieder», sagte mein Mann im Auto. Ja klar, warum nicht. Am Abend im Bett spürte ich meinen Rücken und dachte für einen kurzen Moment, dass es schon sehr streng ist, wenn jemand kaum mehr etwas selbst kann und immer auf andere, insbesondere mich, angewiesen ist. Doch die glücklichen Stunden liessen den schmerzenden Rücken schnell vergessen.

Fortsetzung folgt.

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AUTOR

Patricia Rutz

DATUM

August 5, 2021

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