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Das Schreiben fällt mir immer schwerer

Published On: 12. August 2021 16:00

Vielleicht, weil ich denke, diesen Unrat rieche doch ohnehin jeder, und jeder müsse mittlerweile merken, dass er seine Füße nicht mehr sauber und selbstbestimmt voreinander setzen kann.

Das Schreiben fällt mir immer schwerer. Anfangs habe ich das für ein Zeichen von Urlaubsreife oder Schreibblockade gehalten. Doch sobald ich mich auf eher kleine, scheinbar nebensächliche Begebenheiten stürzen kann und dorthin blicke, wo sich der riesige Berg aus Ideologie und falscher Politik am Rand nur langsam in die wehrlose Realität hineinfrisst, fällt mir das Schreiben seltsam leicht. Nur dort, wo der Berg schon zu hoch für einen Wanderer und der Gestank zu groß ist, misslingen mir neuerdings Versuche der Beschreibung und Einordnung. Ich kann mit Spaß und Sarkasmus über die Speisekarte bei VW oder den Versuch berichten, ein Straßenschild in Garching von Erich Kästner zu befreien, wenn es jedoch um die großen politischen Anmaßungen und Zumutungen geht, erlahmt mir die Hand. Vielleicht, weil ich denke, diesen Unrat rieche doch ohnehin jeder, und jeder müsse mittlerweile merken, dass er seine Füße nicht mehr sauber und selbstbestimmt voreinander setzen kann. Wozu also beschreiben, was jeder sieht? Wozu vor etwas warnen, was verloren und begraben scheint und offenbar nur von wenigen vermisst wird? Wozu überhaupt noch über Freiheit nachdenken…?

Nur hier und da ist vielleicht noch einiges zu retten, wenn man nur entschlossen dagegen ankämpft… und dann ist die Gelegenheit vorbei, die nächste seltsame 16+1‑Konferenz der Granden dieser Republik vorüber, der Kater gekämmt, das Kind im Brunnen, das nächste Stückchen Freiheit unter Schlamm begraben, der schnell trocknet und zu Gewohnheit und Stumpfsinn aushärtet. Die Hoffnung liegt nur noch in den Rissen, die sich immer deutlicher auf der Kruste zeigen und im Verborgenen wachsen. Die Flexibilität des „Flusses“ Politik mit all den Wirbeln und Schleifen, über welche die Wasser der jüngeren Geschichte in diesem Land verfügten, ist endgültig einem zähen Einheitsbrei gewichen, der sturheil in eine Richtung fließt.

Selbst die geschicktesten politischen Wellenreiter sind mit wenigen Ausnahmen zu Prinzipienreitern geworden. Hindernisse und Widersprüche werden zugedeckt und begraben, wenn sie klein sind oder nachdem sie zu Kleinholz gemacht wurden. Unterdessen steigt der politische Schlamm an den großen Widerständen hoch, unfähig, die Richtung zu ändern oder an den Seiten nach neuen Wegen zu suchen. Man. Will. Da. Durch! Hinter sich das zerstörte Flussbett des Vertrauens und des Gemeinschaftsgefühls, vor sich ein Problem, mit dem fertig zu werden man nicht in der Lage ist. Und doch rennt man immer weiter an gegen die Realität, der man nicht ausweichen kann, weil man sie für eine Illusion hält. Vorneweg: Markus Söder, der Märchenkönig, dem wohl als erstem überhaupt ein Prinzipienreiterstandbild errichtet werden wird. Die Corona-Politik der Bundesregierung versucht, ein Land zu retten, indem sie alles, was es zusammenhält, zugrunde richtet.

Die Freiheit schleicht zum Schafott

Analogien drängen sich auf, auch wenn sie weniger als Schablonen für die konkreten Vorgänge taugen, sondern lediglich die verhängnisvollen Mechanismen verdeutlichen, welche die einen freudig aufgreifen, während die anderen darunter zu leiden haben. Ich überspringe hier die Monstrositäten in der deutschen Geschichte, diese Vergleiche sind mir zu inflationär. Gehen wir zurück in die Schlussphase der Französischen Revolution, ins Jahr 1794, als Robespierre „die Tugend und den Terror“ auf die Tagesordnung gesetzt hatte.

Die vom Konvent ausgearbeitete Verfassung von 1793 war nicht in Kraft gesetzt worden und statt der gewählten Volksversammlung herrschte de facto der Wohlfahrtsausschuss, der die Abgeordneten an der kurzen Leine führte und ihnen die Dekrete diktierte, die man zu verabschieden habe. Auch wenn mir die Grenzen des Vergleiches durchaus klar sind, erinnert das doch unangenehm an die im Grundgesetz nicht vorgesehene „Ministerpräsidentenkonferenz“, die heute kaum anders vorgeht und kaum besser legitimiert ist. Den guten Zweck führte der Wohlfahrtsausschuss in Frankreich indes schon im Namen, während die Ministerpräsidentenkonferenz willige Herolde in den Medien braucht, die ihre „Beschlüsse“ affirmativ ausposaunen, als kämen sie aus den Parlamenten.

Der Tugendhafte von damals förderte die Revolution nach Kräften, der von heute ist geimpft oder lässt sich schleunigst impfen. Wem es an auf diese Weise definierter Tugend fehlt, der wird ins Abseits gestellt, doppelt zur Kasse gebeten und bestraft. Das Gesetz, demzufolge die „Feinde des Vaterlandes keinen Besitz in ihm haben dürfen”, hatte in Frankreich der Erzrevolutionär Saint-Just eingebracht, während die Feinde von heute für die obligatorischen Tests und die Politik zu ihrer Ausgrenzung nur doppelt zur Kasse gebeten werden, da sie über Steuern und Abgaben für den abgelehnten Impfstoff und die Kampagne zu dessen Durchsetzung mitzahlen dürfen. So viel zur sehr einseitigen Solidarität, die man den Verweigerern der guten Sache entziehen will. Der französische Bürger im Jahr 1794 war sich übrigens nie sicher, ob er der Revolution schon genug gedient hatte oder ob nicht ein Nachbar noch eifriger nach dem Tyrannenblut der Verräter rief und für laues Verhalten Rechenschaft von ihm fordern würde. Ob sich hier eine aktuelle Entsprechung finden wird, muss wohl die Zeit erweisen.

Den Geimpften werden indes kleine Erleichterungen in Aussicht gestellt, sofern sie sich der neuen Kontrolldoktrin unterwerfen und bei jeder Gelegenheit ihren Immunisierungsnachweis vorzeigen. Der Impfausweis wird zur universellen Eintrittskarte in die Gesellschaft (oder doch zumindest in den unterhaltsamen Teil, denn arbeiten darf der Ungeimpfte ja schon noch) und jeder Wirt, Kinobetreiber oder Straßenbahnkontrolleur ist nun zum Handlanger der Exekutive, zum Hilfspolizisten ernannt. Ein Bürgerdienst, den sich der Staat nichts kosten lassen muss. Das Gefälle an Privilegien zwischen geimpft und nicht geimpft genügt vorerst als Antrieb.

Was soll schon sein, wird der eine oder andere jetzt denken. Einen Personalausweis haben wir schließlich auch alle, und wer verweigert am Flughafen das Vorzeigen seines Passes? Doch das sind staatlich hoheitliche Aufgaben, die von Polizei oder Zoll erledigt werden – oder auch nicht erledigt werden, wenn es in den politischen Kram passt.

Der Impfpass wird essenziell

Der neue Impfausweis ist anders. Der alte, gelbe Impfausweis diente der Selbstversicherung des eigenen Impfstatus, während der neue digitale Impfpass vor allem vor staatlicher Willkür schützt. Niemand fälschte früher das gelbe Heftchen. Wozu auch, es wäre Selbstbetrug gewesen und der Arzt, der die elf Jahre zurückliegende Tetanus-Impfung erneuern möchte, wird keine Gewalt anwenden, wenn der Patient dies nicht oder erst später wünscht. Heute entscheidet der digitale Impfpass nicht nur darüber, ob man reisen kann. Er wird essenziell. Das macht Fälschungen erst relevant, denn er ist nicht mehr nur Erinnerung an den eigenen Immunitätsstatus und Beweismittel im Fall von Regressforderungen gegen den Hersteller der Charge des Impfstoffs, sondern in erster Linie Zugangsberechtigung zur Außenwelt. Hat sich die Trennlinie mittels Impfpass erst etabliert, kann man jederzeit weitere Felder definieren, auf denen er benötigt wird.

Ganz ähnlich funktionierte während der Französischen Revolution das „certificat de civisme“, der sogenannte Bürgerausweis. Ausgestellt von Gemeindevorstehern oder Überwachungsausschüssen – gern auf Empfehlung eines verdienten Jakobiners oder gar einem der „großen“ Revolutionäre –, attestierte das Papier, dass der Träger der Sache der Revolution wohlgesonnen ist, seinen Bürgereid geleistet und seine Steuern bezahlt hat und somit ein anerkannter Bürger sei. Ehemalige Adelige erhielten den Ausweis grundsätzlich nicht, aber die hatten ohnehin kein Interesse, eines der vielen neuen öffentlichen Ämter anzutreten, für die man einen Bürgerausweis anfangs brauchte. Geimpft werden sie heute. Die Zivilisation macht immerhin Fortschritte. Später weitete man die Wirksamkeit des „certificat de civisme“ Stück für Stück aus, bis sogar die dank Misswirtschaft notwendige Brotkarte für das schlechte „Einheitsbrot” in Paris nur noch mit dem Ausweis gültig war. Kurz vor Ende der Schreckensherrschaft war der Besitz dieses Papiers das Wichtigste, was einen von Verhaftung und der Guillotine trennte. Jeder Bürger war berechtigt, jeden anderen Bürger nach diesem Ausweis zu fragen und die Behörden zu verständigen, wenn das Gegenüber keinen vorzuweisen hatte. Dazu war kein Vergehen nötig, weil keinen Ausweis zu besitzen schon das Vergehen war. Der Ausweis trennte Frankreich scharf in gute und schlechte Menschen.

Die Legitimationsnöte fanden (und finden) also nicht zwischen Bürger und Staat zu einem bestimmten Zweck statt, sondern waren allgemein und umfassend. Die Übertragung dieser Mechanismen ins Jahr 2021 überlasse ich der Fantasie meiner Leser. Solche Dystopien werden jedenfalls kaum angenehmer, wenn man in Rechnung stellt, dass heute keine Guillotine mehr in Betrieb ist oder dass der heutige „Bürgerausweis“ im Unterschied zu dem französischen aus dem 18. Jahrhundert ein Verfallsdatum hat. Der heutige Inhaber muss also womöglich recht bald erneut seine Anhänglichkeit durch Kooperation unter Beweis stellen, wenn er nicht auf die Seite der „Verräter des Vaterlandes“ wechseln möchte und so Teile seiner Grundrechte doch noch verliert.

Wo stehen wir eigentlich?

Mit kleinen Abstufungen wissen wir auch über 500 Tage nach dem ersten Lockdown noch immer nicht genau, wo wir stehen. Wie sicher die meisten hatte ich aber lange Zeit die Hoffnung, die Entwicklung wirksamer Impfstoffe würde uns nach einem Jahr wieder in freiheitliche Bahnen lenken. Die Hoffnung habe ich zwar noch nicht aufgegeben, aber mein Vertrauen in die Politik von Bundes- und Landesregierung oder gar in die EU ist mittlerweile restlos aufgebraucht. Das Bild vom verwüsteten Flussbett, dass ich am Anfang bemühte, erscheint mir ganz passend. Denn die Gewissheit, dass die Politik bei all ihren Irrtümern nie den einzelnen Bürger aus dem Blick verliert, dessen Dienstleister er ist, ist ausgerissen und kann nicht so schnell wieder nachwachsen. Wer nun denkt, wir hätten unsere Freiheit eben nur mal kurz gegen Sicherheit eingetauscht, überschaut die Lage nicht vollständig.

Schon die medizinische Sicherheit ist eine Illusion. Erste Ärzte verkünden, keine Ungeimpften mehr zu behandeln, die Übertragbarkeit neuer Virus-Varianten wird von der Impfung nicht oder kaum beeinflusst, die Drittimpfungen haben begonnen. Aus Israel, dem Vorreiter der Covid-Impfung, werden bereits Erkrankungen trotz des sogenannten „Booster“-Shots gemeldet.

Vollkommen verschwunden ist hingegen für viele die Sicherheit bezüglich der eigenen Lebensplanung. Wer kauft schon heute Konzertkarten für ein Event, das im November stattfinden soll? Wer bucht Urlaub in einem Land, das morgen schon zum Hochrisikogebiet erklärt werden kann? Wer kennt sich noch aus mit den einzelnen Corona-Maßnahmen im Handel oder muss feststellen, dass dort teilweise noch Regeln verlangt und durchgesetzt werden, deren auslösende Inzidenzen und Beschlüsse längst Geschichte sind? Niemand stellt das mehr infrage, kaum jemand protestiert im Alltag, die Kunden sind so müde geworden wie das Personal, das in der gesamten Republik (außer teilweise in Sachsen) noch immer hinter seinen Masken vor sich hin schwitzt – selbst dann, wenn die wie ein Weihrauchfass durch die Medien geschwenkte Inzidenz kaum noch glimmt und einstellige Werte zeigt.

Man hat sich an die Vorgaben gehalten, war anfangs sogar froh, dass es „Macher“ wie diesen König Markus gab, der zwar im Grunde auch nichts wusste, aber handelte, anordnete, forderte. Wie ein Uhrwerk setzten sich diejenigen in Bewegung, die in die Politik gegangen waren, „um zu gestalten“. Was für ein Fest für eine von ihrer Macht berauschte Legislative! Und gestaltet haben sie. Mit dem Ziel, die Kurve „abzuflachen“ und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, wurde das Leben der Menschen immer weiter eingehegt. Dem vermeintlichen Lebensretter überreichte der Bürger die Schlüssel zu allen Bereichen seines Lebens, und es muss bezweifelt werden, dass er sie freiwillig und vollständig zurück erhält.

Man hielt Abstand, gab niemandem mehr die Hand, umarmte nicht, trug Maske, arbeitete im Home-Office, sagte die Familienfeier ab, verlor ein Schuljahr im digitalen Wunderland, besuchte die betagten Eltern nicht mehr, um sie zu schützen. Manche Menschen gingen monatelang nicht vor die Tür. 

Mit anderen Worten: Man betrieb Risikominimierung, weil man – mit Abstufungen – die Krankheit ernst nahm. Die Horrorbilder aus China oder Norditalien und die vielen Geschichten aus dem Paulanergarten mit all den plötzlich und ohne Vorerkrankungen tot umfallenden Kerngesunden wurden nie offiziell dementiert oder in einen realistischen Kontext gesetzt. Sie waren einfach zu nützlich bei der Volkserziehung. Wusste nicht schon der ehemalige Chef der EU-Kommission Juncker, dass man lügen muss, wenn’s drauf ankommt? Immer noch kann man offiziell zwar mit oder an Corona sterben, das Risiko, durch die unerwünschten Nebenwirkungen nicht vollständig zugelassener Impfstoffe zu Schaden zukommen, fällt jedoch vollkommen unter den Tisch. Dabei wissen wir aus neueren Studien (oder könnten wissen), dass die Wirksamkeit von BioNTech, Moderna und Co. nur in Bezug auf die eigentlichen Zielgruppen, also besonders gefährdete Menschen, bei optimistischen 90–95% liegt. Über den Bevölkerungsquerschnitt mit sehr unterschiedlichen Lebenssituationen schnurrt der Schutzgewinn auf wenige Prozent zusammen. Laut einer im „The Lancet“ veröffentlichten Studie muss man beispielsweise mit Pfizer/BioNTech statistisch gesehen 119 Menschen impfen, um eine weitere Übertragung zu verhindern.

Druck und Repression bewirken das Gegenteil

Nun kann man argumentieren, dass jedes Leben zählt (oder jede Infektion, die ja bekanntlich nicht immer das Leben kostet), und wenn man die ganze Welt impfen müsste, um ein Leben zu retten, dann… nein, so funktioniert das leider nicht. Sonst müssten wir angesichts von multiresistenten Keimen, ärztlichen Kunstfehlern, Haushaltsunfällen und tausend anderen „nicht hinnehmbaren“ statistischen Ungeheuerlichkeiten das Leben ganz aufgeben. Risikoabschätzung ist durchaus staatliche Aufgabe, wo es um allgemeine Risiken oder äußere Bedrohungen geht. Ja, auch die Abwehr einer Pandemie gehört dazu. Die Vorbereitung auf Extremwetter übrigens auch. Die persönlichen Risiken muss jedoch jeder selbst oder in Absprache mit Familie und hinzugezogenen Experten (Ärzte, Apotheker, Versicherungen, Stuntman, Avon-Beraterin…) treffen. Das gilt auch für Impfungen. Staatlicher Druck und Repressionen bewirken eher das Gegenteil dessen, was sie beabsichtigen, wie man in Australien derzeit gut beobachten kann. Faktisch steht das Land unter Kriegsrecht, das Militär assistiert der Polizei in den Städten bei der Durchsetzung der an Hausarrest grenzenden Corona-Regeln in ausgewählten Stadtvierteln. Und das bei einer 7‑Tage-Inzidenz von 9. Trotz des unglaublichen Drucks der Regierung liegt die Impfquote für Australien bei unter 20%…woran das wohl liegen könnte?

An dieser Stelle zitiere ich immer wieder gern F. A. von Hayek, der diese uns staatlich übergestülpte Dienstverpflichtung namens „Solidarität” eines jeden gegenüber jedem selbst gegen seinen Willen wie folgt beschrieben und abgelehnt hat:

„Ein allgemeiner Altruismus ist aber sinnlos. Niemand kann sich wirklich um alle anderen kümmern. Die Verantwortung, die wir übernehmen können, müssen immer partikulär sein, sie können nur jene betreffen, von denen wir konkrete Tatsachen wissen und mit denen wir uns entweder durch Wahl oder besondere Umstände verbunden fühlen. Es gehört zu den fundamentalen Rechten und Pflichten eines freien Menschen, zu entscheiden, welche und wessen Bedürfnisse ihm am wichtigsten erscheinen.“ (Aus „Die Verfassung der Freiheit“ S. 98, gefunden in „Philosophie der Freiheit“, Habermann, S. 22)

Eine Impfpflicht gegen die eigene Risikoabschätzung zugunsten eines „höheren Wohls” schließt das aus. Das schnippische „es ist doch gar keine Pflicht” könnt ihr euch sparen. Die Betonung liegt bei Hayek auf „Wahl oder besondere Umstände“, es geht den Staat schlicht nichts an, wie jemand zu einer Entscheidung oder Wahl gelangt. Für gewöhnlich interessieren die Gründe für eine Wahl den Staat auch nicht. Solange es nur die vermeintlich richtige Wahl ist, ist ihm das Kompetenzlevel des Wählers egal, das zur Entscheidung geführt hat. Ist erst der Weg zum autoritären Staat beschritten, hat der Bürger faktisch keine Wahl mehr, selbst wenn er Kompetenz hätte.

Die etwas anderen Analogien

Nicht nur ich neige dazu, die Gegenwart mit Hilfe von Exempeln aus der Geschichte verstehen zu wollen. Der Mensch ist gut im Erkennen von Mustern, die er zu Erfahrungen und Vorurteilen verdichtet. Doch wo ich nach vergleichbaren Experimenten von Staaten suche, die sie mit ihren Bürgern veranstalteten, suchen die Befürworter des aktuellen Ausnahmezustands in der Anmaßung und der Übergriffigkeit der Politik nach dem Normalen und der Ratio. Wenn etwa Anette Dowideit in der Welt zu dem Schluss kommt, die Marktwirtschaft sei am Werk, wenn der 1. FC Köln nur noch Karten an Geimpfte verkauft (mit einem kleinen Kontingent für Getestete), ist das einfach nur albern. Der Markt regelt im Fußball vielleicht die Preise der Eintrittskarten und die Ablösesummen der Spieler, schließt aber keine Kunden aus. Nur weil der Verein oder eine Firma in der Privatwirtschaft und nicht beim Staat angesiedelt ist, verhält er sich nicht automatisch marktwirtschaftlich, wenn Sanktionen oder Subventionen (direkt oder indirekt) im Spiel sind.

Noch dicker trägt Fernsehdoktor Eckart von Hirschhausen in seinem „Impfbuch für alle“ auf, einem vom Gesundheitsministerium finanzierten und in den Apotheken „kostenfrei“ erhältlichen Buch, das auch als PDF und Hörbuch verfügbar ist. Man hat keine Kosten gescheut, das scheue Reh namens „Impfgegner” zu locken! Zwar sind unbestritten viele interessante und wertfreie Fakten zu Impfungen im Allgemeinen enthalten, die Corona-Impfung jedoch wird in eine Reihe mit all den anderen gut getesteten, regulär zugelassenen und bewährten Vakzinen gestellt, in die sie zumindest momentan noch nicht gehört. Ich weiß nicht, welche Facharztausbildung Hirschhausen genossen hat, aber Orthopädie wird es nicht gewesen sein, denn seine Vergleiche hinken gewaltig, weil er die Impfungen gegen Pocken, Tuberkulose, Masern und Covid-19 argumentativ zusammenrührt.

Auch seine Verteidigung des Staates, der die Entscheidungsfreiheit in allen möglichen Feldern begrenzen dürfe, ist schwach. Man könne sich zum Beispiel nicht frei entscheiden, ob man links oder rechts auf der Straße fahre, schreibt er. Streng genommen ist das falsch, man kann dies tun. Doch der Vergleich führt uns direkt ins Zentrum des Problems, nämlich zum Risiko. Das ist nämlich für einen Falschfahrer auf der A8 weitaus größer als für einen ungeimpften Literaten auf Helgoland, dessen einzige Kontakte zur Außenwelt das Internet, der Postbote und der Pizzalieferdienst sind. Der Mensch ist ja nicht blöde, auch wenn er von unserer Regierung und ihren Vergleiche-Lieferanten gern dazu gemacht wird

Der Fernsehdoktor und die MPK

Die Qualität von Regeln ist auch eine Frage der Empirie. Gute Politik macht sinnvolle Regeln, und die Straßenverkehrsordnung ist voll von sinnvollen Regeln! Ich habe auch noch niemanden gegen die Vorfahrtsregeln demonstrieren oder „querdenken” sehen. Nicht sinnvoll ist hingegen so gut wie alles, was uns an Grenzwerten, Schwelleninzidenzen, Impfversprechen und Einschränkungen in Sachen Covid zugemutet wird. Es ergibt nur leider keinen Sinn mehr, sich mit Leuten, die mit FFP2-Maske Fahrrad oder allein Auto fahren, über Empirie und Entscheidungsfreiheit zu unterhalten.

Aber ich will nicht unerwähnt lassen, dass auch Eckart von Hirschhausen in seinem Buch sogar gute und richtige Schlüsse zieht. Etwa auf Seite 70: „Denn irgendwann ist der Zeitpunkt erreicht, zu dem jede Person die geimpft werden möchte, auch geimpft wurde. Bei der COVID-19-Pandemie dürfte es in Deutschland im Herbst 2021 so weit sein […] Wenn dieser Zeitpunkt erreicht ist, geht von Ungeimpften kein Risiko mehr für die Gesellschaft aus, sondern nur noch für sie ganz persönlich.“ (kursive Hervorhebungen von mir)

Sie sehen also, liebe Leser, das „Impfbuch für alle” wurde vor der Ministerpräsidentenkonferenz vom 10.8. fertig und Herr von Hirschhausen wusste noch nichts vom Beschluss unseres Wohlfahrtsausschusses, das gesellschaftliche Leben der Ungeimpften künftig „vom Markt regeln“ zu lassen, wie die Welt-Autorin von weiter oben wohl sagen würde. Sobald diese „Sozialschmarotzer“ von Impfverweigerern sich die Testerei nämlich nicht mehr leisten können, wird sie ihre Renitenz gegen staatliche Anordnungen schon schmerzlich genug einschnüren. Hunderttausende frisch ernannte Hilfspolizisten warten nur darauf, sie gemäß der Beschlüsse belehren zu dürfen. Gemäß der sozialistischen Definition von „Freiheit“, welche angeblich zu 3% aus Meinungsfreiheit, 2% Berufsfreiheit und 1% Reisefreiheit besteht. Der Rest sind Sachzwänge. Die Risikobewertung des Fernsehdoktors wird sich also für Ungeimpfte gewiss noch ändern.

Nun habe ich es also doch geschafft, wieder mal mitten hineinzuspringen in den hüfthohen Dreck aus Regierungsversagen und Politikanmaßungen in Sachen Corona. Leider wirken bei Aufenthalten in diesen politischen Abgründen keine Impfungen. Im Gegenteil, die Symptome des Wahnsinns, die einen bei Berührung dieses Themas anspringen, werden immer schlimmer. Ich hoffe, zumindest psychiatrische Behandlungen sind noch im Kassenbeitrag inbegriffen. Die werden wir nämlich bald alle brauchen, Geimpfte wie Ungeimpfte.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt

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