Die Showtanzgruppe „Copacabana Sambashow Berlin“ wehrt sich gegen die Anschuldigung, „rassistisch“ zu sein – und Food-Blogger wollen das Wort „Curry“ abschaffen.

In den USA wurde diese Woche ein Felsbrocken ausgestoßen. Ja, Sie lesen richtig. Der rund 70 Tonnen schwere, dunkle Findling fristete seit 1925 auf dem Hauptcampus der University of Wisconsin sein aufsehenerregendes Dasein. Nun ist er auf ein Nebengelände der Uni versetzt worden. Kosten: Rund 50.000 US-Dollar (umgerechnet circa 42.500 Euro).

Der seltene Stein, von dem Wissenschaftler annehmen, dass er mehr als zwei Milliarden Jahre alt ist, war vor fast 100 Jahren ausgehoben und prominent auf einem Hügel platziert worden, um den Geologen Thomas Chrowder Chamberlin (1843–1928) zu ehren, der von 1887 bis 1892 auch Präsident der Uni war. Studenten und Mitarbeiter nannten den Felsen „Chamberlin Rock“, eine Plakette erinnerte an den Wissenschaftler und Hochschullehrer, dessen Arbeiten sich auf Gletscherablagerungen konzentrierten. Diese Plakette ist nun auch entfernt worden.

Grund des Exorzismus sind nicht etwa Äußerungen des Geologen, die aus heutiger Sicht irgendwie rückständig oder politisch inkorrekt klingen, sondern die Tatsache, dass in den 1920er Jahren große, dunkle Felsen im amerikanischen Englisch mit einem Slang-Begriff bezeichnet wurden, der das sogenannte „N-Wort“ enthält.

Jemand hatte einen Artikel der Universitätszeitung von 1925 über die Aufstellung des Steins ausgegraben, in dem dieser rassistische Slang-Begriff verwendet wurde. Obwohl trotz intensiver Recherchen der Uni keine weiteren Stellen in der historischen Literatur gefunden wurden, an denen der Felsen mit diesem Wort bezeichnet wurde, starteten antirassistische Aktivisten eine jahrelange Kampagne für die Versetzung des tonnenschweren Findlings (und die Entfernung einer Abraham Lincoln Statue auf dem Campus, auf diese zweite Forderung ging die Hochschulleitung nicht ein).

In einer aktuellen Stellungnahme gab die Uni zu Protokoll: „Den Stein als Monument von seinem prominenten Platz wegzubringen, schützt unsere Gemeinschaft vor weiteren Verletzungen, wobei gleichzeitig sein Wert für Bildungs- und Forschungszwecke für die Studenten erhalten bleiben kann.“ Juliana Bennett, Studentenvertreterin im Stadtrat von Madison, wo die staatliche Universität ihren Hauptstandort hat, sagte der Nachrichtenagentur Associated Press: „In diesem Moment geht es um die Studenten, früher und heute, die unermüdlich daran gearbeitet haben, dieses rassistische Denkmal zu entfernen. Jetzt ist ein Moment für uns BIPOC-Studenten, um aufzuatmen, stolz auf unsere Ausdauer zu sein und mit der Heilung zu beginnen.“

(Quellen: Fox News, BILD)

„Stereotype bedienen und Menschen damit diskriminieren“

Am Pranger selbsternannter „Antirassisten“ steht aktuell auch die Copacabana Sambashow Berlin. Die selbstorganisierte Showtanzgruppe, vom Art Magazine ausgezeichnet als „European Top 100 Performing Artist“, wurde vor der Coronakrise regelmäßig vom Zoo Leipzig für verschiedene Veranstaltungen gebucht, zuletzt im Dezember 2019 anlässlich eines großen Firmenevents in den Räumlichkeiten des Zoos. Die Auftritte der Gruppe sind von Darbietungen des Samba-Tanzes gekennzeichnet, vom aus der Kolonialzeit überlieferten Kampftanz Capoeira, mit dem nach Brasilien verschleppte afrikanische Sklaven ihre Kampfkünste vor ihren Herren verbargen und weitergaben, vom verwandten Stock- und Messertanz Maculelê sowie von Darbietungen weiterer traditioneller Tänze aus den verschiedenen Regionen Brasiliens.

Wer sich ein wenig mit (Kultur-)Geschichte auskennt, und noch alle Tassen im Schrank hat, wird eine solche Tanzshow nicht als „rassistisch“ einordnen. Doch genau das tut der Migrantenbeirat Leipzig. In einem Ende April veröffentlichten offenen Brief verurteilt der Fachbeirat des Stadtrates Leipzig, der laut Internetportal der Stadt „spezifische Sichtweisen und Anregungen der Migrantinnen und Migranten in die kommunalpolitischen Diskussionen“ einbringen soll, Unterhaltungsformate „die rassistische Stereotype bedienen und Menschen damit diskriminieren“, und bezieht sich dabei speziell auf die kulturellen Abende des Zoos.

Die Veranstaltungen würden „Stereotype und Homogenisierungen/Verallgemeinerungen von afrikanischen Gesellschaften und Naturräumen“ bedienen, meint der Migrantenbeirat, und stellt eine Verbindung her zwischen den heutigen Kulturabenden und den tatsächlich rassistischen „Völkerschauen“ des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Veranstaltungen zum Kennenlernen und Entdecken von Eigenheiten und Gemeinsamkeiten verschiedener Kulturen sollten prinzipiell nicht in Zoos stattfinden, sondern in Kulturräumen, Gewandhäusern und Bibliotheken.

„Ungefragte Vereinnahmung unserer Kunst“

In einer fulminanten Replik, wendet sich die Copacabana Sambashow Berlin nun gegen diese aus ihrer Sicht „ungefragte Vereinnahmung unserer Kunst, Kultur und Religion im Kontext eines falsch verstandenen Kampfes gegen Rassismus“. „Wir wehren uns gegen die ahnungslose und ideologisch aufgeladene Argumentation von selbsternannten Kulturpolizisten“, schreibt die Tanzgruppe weiter. „Wir sind keine naiven Schaustücke in den Händen eines diskriminierenden Auftraggebers!“ Tatsächlich sei diese Unterstellung, die völlige Übergehung der Sichtweise der zumeist migrantischen Künstler, selbst eine Form von Rassismus.

Vergleichbare Showtanzgruppen gäbe es nicht nur in Brasilien, sondern auf allen Kontinenten. Überall auf der Welt würden deren Auftritte „als authentische Vermittlung von traditioneller Kunst und Lebensfreude verstanden und bewundert. Nur nicht im in identitätspolitischer Selbstkasteiung suhlenden Deutschland“, wo man „mit hysterischem Alarmismus und Opferkult“ gezielt „nach Belegen für allgegenwärtigen Rassismus“ suche. Der Migrantenbeirat habe kein Recht, die Öffentlichkeit zu belehren, wie die Auftritte der Gruppe zu verstehen seien, und auch keine prüden selbsternannten Vorkämpfer gegen Sexismus und Frauenfeindlichkeit, mit denen die Tänzer nach eigener Aussage in der Vergangenheit auch schon Probleme bekommen haben.

„Impfpflicht durch die Hintertür“

Die Rhetorik gegen Covid-Ungeimpfte hat in den letzten Tagen eine neue Stufe erreicht. Der bayerische Landesvater Markus Söder sprach von einer „Pandemie der Ungeimpften“, der FDP-Politiker Rainer Stinner gar von „gefährlichen Sozialschädlingen“. Laut aktuellem Beschluss der sogenannten Ministerpräsidentenkonferenz müssen sich Ungeimpfte auf mehr Testpflichten einstellen und Schnelltests ab 11. Oktober in der Regel auch selbst bezahlen. Viele kritische Kommentatoren werten Letzteres als „Impfpflicht durch die Hintertür“. Bereits vor diesen Beschlüssen gab der 1. FC Köln bekannt, nur noch Genesene und Geimpfte zu seinen Heimspielen im Rheinenergiestadion zuzulassen – Ausnahme: Kinder und Jugendliche. Vorauseilende Anpassung an eine kommende Ordnung, in der nicht mehr „3G“ die Bedingung für die Teilnahme am öffentlichen Leben sein wird, sondern „2G“?

Ja, auch die Ungeimpften gehören zweifellos zu den Ausgestoßenen der Woche. Dabei ist die Behauptung, Ungeimpfte verhielten sich „unsolidarisch“, wissenschaftlich betrachtet Unsinn – selbst wenn man davon ausgeht, dass die Covid-Impfungen so wirksam sind, wie ihre stärksten Befürworter behaupten (zu dieser Frage siehe den lesenswerten aktuellen Beitrag von Klaus Alfs).

„Leider keine Idee, wie man Männer besser integrieren kann“

Ausgestoßen wurden diese Woche auch sämtliche Männer, und zwar von Berlins Integrationssenatorin Elke Breitenbach (Linke). In Deutschland werde jeden dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet, und sie habe „leider keine Idee, wie man Männer besser integrieren kann“, sagte Breitenbach am Montag der Deutschen Presseagentur (dpa). Hintergrund dieser Aussagen ist die jüngste Ermordung der in Berlin lebenden 34-jährigen Afghanin Maryam H., die mutmaßlich von ihren eigenen Brüdern getötet wurde, weil diese ihre westliche Lebensweise nicht billigten. Für die Integrationssenatorin hat diese Tat nichts mit „Herkunft und (der) Nationalität der Täter“ zu tun, es gehe allein „um die Frage des Geschlechts“.(Quelle: Tagesspiegel)

„‚Fleisch‘ eine Beleidigung, weil es nicht spezifisch genug ist?“

In der englischsprachigen Welt entspinnt sich indessen eine bizarre Rassismusdebatte um das Wort „Curry“. In einem Online-Video, das bereits im Juni von „buzzfeedtasty“ veröffentlicht wurde, aber erst in den letzten Tagen viral ging, spricht sich die amerikanische Food-Bloggerin Chaheti Bansal dafür aus, den Begriff zu „canceln“. Zwar nicht generell, aber speziell mit Bezug auf die indische Küche. Es gebe „ein Sprichwort, das besagt, dass sich das Essen in Indien alle 100 Kilometer ändert, und dennoch verwenden wir immer noch diesen Oberbegriff, der von Weißen geprägt wurde, die sich nicht die Mühe machen wollten, die wirklichen Namen unserer Gerichte zu lernen. Aber wir können ihn immer noch verlernen.“ Das Video wurde mittlerweile mehr als 3,6 Millionen Mal angeschaut.

Eine populäre Theorie geht davon aus, dass der Begriff „Curry“ im 18. Jahrhundert von Angehörigen der Britischen Ostindien-Kompanie geprägt wurde, die in Südostindien mit tamilischen Händlern verkehrten. Das Wort sei eine Anglisierung des tamilischen Wortes kaṟi, das „Sauce“ oder „Beilage zum Reis“ bedeutet.

Der indischstämmige Starkoch Cyrus Todiwala findet den Rassismusvorwurf absurd: „Ich halte den Begriff überhaupt nicht für rassistisch. Es ist etwas, das für die Menschen einfach zu verstehen war, als sie in Indien waren.“ Der Herausgeber des britischen Restaurantführers „Good Curry Guide“, Pat Chapman, stöhnte: „Oh mein Gott, was kommt als nächstes? Es ist eine verrückte Idee, dass etwas jetzt wegen seiner angeblichen Verbindung zur Vergangenheit gecancelt werden sollte.“ Der britische Parlamentsabgeordnete Marco Longhi (Conservative Party) schrieb auf Facebook: „Was ist nur los mit diesen Leuten? Es gibt so viele generische Begriffe für Lebensmittel, die wir verwenden. Ist Pizza rassistisch? Ist ‚Fleisch‘ eine Beleidigung, weil es nicht spezifisch genug ist?“

Bansals Forderung schlossen sich einige weitere indischstämmige Food-Blogger an, sowie die amerikanische Religionswissenschaftlerin Ilyse R. Morgenstein Fuerst, die die Annahme von „Curry“ durch viele Südasiaten einer „Verschiebung der Machtsysteme“ und der „weißen, christlichen Vorherrschaft“ zuschreibt.

(Quellen: Daily Mail, Sun, NBC News)

Öffentlichkeitswirksam als Corona-Abweichler gebrandmarkt

In München-Sendling ist ein 68-Jähriger durch vier Polizeibeamte aus der Stadtbibliothek geführt worden. Der Rentner hatte verbotenerweise am PC-Arbeitsplatz auf einem Stuhl gesessen, um seine E-Mails abzurufen. Erlaubt ist aber nur das Stehen oder Knien. Als der ältere Herr sich weigerte, seinen Stuhl aufzugeben, wurde die Polizei gerufen. Mit dem Sitz-Verbot will man in der Corona-Pandemie „die Zahl der Anwesenden im Blick behalten“ und „die Verweildauer beschränken“, erklärte Bibliothekssprecherin Judith Stumptner auf Nachfrage der BILD-Zeitung.

Und in Australien hat der Sender Sky News Australia ohne weitere Erklärung 31 seiner Videos zum Thema Covid-19 von der eigenen Webseite gelöscht. Das passiert rund eine Woche, nachdem der YouTube-Kanal des Senders wegen angeblicher Verbreitung „medizinischer Fehlinformationen“ zeitweise gesperrt wurde. Am heutigen Freitag ist der Vorstandsvorsitzende von Sky News Australia, Paul Whittaker, zu einer parlamentarischen Untersuchung zum Thema „Medienvielfalt“ geladen.

Laut Spiked bewarben einige der gelöschten alten Videos die Medikamente Ivermectin und Hydroxychloroquin als wirksame Behandlungsmethoden gegen Covid-19. Viele Wissenschaftler gehen mittlerweile davon aus, dass diese beiden Medikamente nicht geeignet sind, um Covid-19 zu behandeln. Beunruhigender ist die Tatsache, dass wohl auch Videos gelöscht wurden, die sich kritisch mit Lockdowns, Maskenpflichten und Social Distancing befassten. Hat der private Sender – von YouTube öffentlichkeitswirksam als Corona-Abweichler gebrandmarkt – Angst bekommen, dass er seine Beziehung zur politischen Führung des Landes (seit Monaten auf „Zero Covid“ Kurs) endgültig ruinieren könnte, und übt nun präventiv Selbstzensur, um wieder in die Gunst der Regierenden zu kommen?

Und damit endet der wöchentliche Überblick des Cancelns, Empörens, Strafens, Umerziehens, Ausstoßens, Zensierens, Entlassens, Verklagens, Einschüchterns, Politisierens, Umwälzens und Kulturkämpfens. Bis nächste Woche!

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