Erst 2015 war der erste Gender-Studiengang in Afghanistan mithilfe der Bundewehr eingerichtet worden, galt als internationales Vorzeigeobjekt für die Gleichstellung von Frauen in der islamischen Welt und hatte bislang rund 100 Master-Absolventinnen und Absolventen hervorgebracht.

Bild: via twitter

Kabul/Berlin(ATN). Die dramatischen Entwicklungen in Afghanistan in den letzten Tagen und Stunden haben in der westlichen Welt Bestürzung und Besorgnis ausgelöst. In Berlin hat ein Ereignis nach der Einnahme der Hauptstadt Kabul durch die radikal-islamischen Taliban besondere Erschütterung verursacht: Der Oberkommandierende der Taliban, Haibatullah Achundsada, gab die sofortige Schließung des Master-Studienganges für „Gender-and Women-Studies“ an der Kabuler Universität bekannt. Er war 2015 als erste Gender-Studiengang in Afghanistan eingerichtet worden, galt als internationales Vorzeigeobjekt für die Gleichstellung von Frauen in der islamischen Welt und hat bislang rund 100 Master-Absolventinnen und Absolventen hervorgebracht.

Die Eroberung Kabuls durch die Taliban und der chaotische Rückzug westlicher Truppen und Zivilpersonen wird zum Wahlkampfthema. Die Grünen verlangten eine sofortige Entscheidung der Bundesregierung. „Zu den ersten, die mit den am Montag in Deutschland endlich gestarteten A400M-Maschinen der Bundeswehr zur Rettung von Menschen in Kabul herausgeflogen werden, müssen die aktuell Gender-Studierenden und alle Absolvent:innen seit dem ersten Abschlussjahr gehören“, so Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock. „Diese gut ausgebildeten Afghan:innen sind eine Bereicherung für unsere Gesellschaft und müssen aus unserer Sicht Vorrang vor anderen haben, die etwa nur für die Bundeswehr Übersetzungen gemacht haben.“

Die noch amtierende Berliner Integrationssenatorin Elke Breitenbach von der Linkspartei sprach sich aus für eine „humanitäre Hilfsaktion, an der sich Berlin selbstverständlich beteiligen wird“. Es handele sich bei den Gender-Student:innen überwiegend um Frauen und die seien nun einmal leichter in eine Gesellschaft von Frauen und Diversen zu integrieren als Männer. Der Fraktionsgeschäftsführer der Linken im Bundestag, Jan Korte, sagte der dpa: „Wie Außenminister Maas bei der Evakuierung dilettiert, ist skandalös und gefährdet Menschenleben. Während andere Länder ihre Angehörigen schon seit Tagen aus Afghanistan ausfliegen, bequemt sich die Bundesregierung erst jetzt, Flugzeuge nach Kabul zu schicken.“

Alexander Graf Lambsdorff, FDP-Außenpolitiker und stellvertretender Vorsitzender der FDP-Bundestagsfraktion, warf der Bundesregierung wegen fehlender Evakuierungsstrategie Versagen auf ganzer Linie vor: „Wir fordern die zügige Einrichtung eines Sondervisa-Programms für Afghaninnen, die durch die Ausweitung des Herrschaftsbereichs der Taliban besonders von Verfolgung und Gewalt bedroht sind“. Es sei beschämend, dass die Bundeswehr bei ihrem vollständigen Abzug im Juni mehr Sorgfalt auf die Rückführung von Alkohol als auf den von Ortskräften gelegt habe. Die Bundeswehr hatte extra eine Frachtmaschine vom Typ Antonow angemietet, um 29 Europaletten mit knapp 65 000 Dosen Bier und Radler sowie 340 Flaschen Wein und Sekt zurück nach Deutschland zu bringen. Aus rechtlichen und religiösen Gründen sei es laut Bundeswehr nicht möglich gewesen, sie in dem muslimischen Land zurückzulassen oder zu verkaufen.

Auch die CDU treibt die Sorge um Frauenrechtlerinnen in Afghanistan um. Kanzlerkandidat Armin Laschet erklärte am Montag: „Diese Luftbrücke darf sich nicht nur beziehen auf Ortskräfte, nicht nur auf deutsche Staatsangehörige, die noch in Afghanistan sind, sondern muss auch aktive Frauen-, Menschenrechtlerinnen, Aktivistinnen, Bürgermeisterinnen und andere umfassen. Das muss im Mandat mit vermerkt sein», sagte Laschet.

Am Flughafen Kabul versuchen tausende Afghanen aus Furcht vor den Taliban einen Platz in einem Flugzeug zu ergattern. Der zivile Flugverkehr ist eingestellt, nur Militärmaschinen können unter dem Schutz der US-Truppen noch starten und landen. Nach Angaben der Bundeswehr kann jedes ihrer A400M-Flugzeuge 114 Passagiere transportieren. Die Gesamtzahl deutscher Staatsbürger, die bis Sonntag noch in Kabul waren, wurde auf mehr als 100 geschätzt. In der staatlichen Entwicklungshilfe waren zuletzt noch 1.100 Afghanen in deutschem Auftrag tätig. Hinzu kommen tausende ehemalige Ortskräfte der Bundeswehr oder der Bundesministerien. Und die mehr als 100 Student:innen und Absolvent:innen des Gender-Studienganges.


Claudia Pritt

Anzeige

Unterstützung

Wenn Ihnen unser Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie diese Form des

Journalismus.