Bewirken die Ereignisse in Afghanistan einen Realitätsschock, der sich bei der Bundestagswahl zu Gunsten von Armin Laschet und der Union auswirkt? Die jüngsten Wettquoten der Analyseplattform Wettbasis sehen die Kanzlerchancen des Kandidaten jetzt bei 80 Prozent.

Während die jüngsten Einzelumfragen noch durchwachsene Werte für die Unionsparteien und deren Kanzlerkandidaten Armin Laschet ausweisen, sieht die Analyseplattform Wettbasis seine Chancen wachsen. Einem Bericht der „Welt“ zufolge sei die Erfolgswahrscheinlichkeit für Laschet innerhalb einer Woche von 67,9 auf 80 Prozent gestiegen. Die Ereignisse in Afghanistan könnten zusätzlich Rückenwind für die Regierungsparteien und damit auch für den Unionskandidaten bringen.

Scholz beliebter als die SPD selbst

Die letzten Umfragen sehen CDU und CSU in der Wählergunst nur noch knapp vorne. Allerdings sprechen mehrere Aspekte dafür, dass die Bürgerlich-Konservativen auf den letzten Metern noch über Mobilisierungsreserven verfügen.

Unter den Spitzenkandidaten selbst hatte sich SPD-Kandidat Olaf Scholz in den vergangenen Wochen einen deutlichen Vorsprung in der Wählergunst erarbeitetet. Seine Partei hat allerdings nach wie vor ein Akzeptanzproblem.

Immerhin zeichnet sich ab, dass die SPD den zweiten Platz in der Wählergunst zurückerobern könnte – auf Kosten der Grünen, die INSA mittlerweile nur noch bei 17,5 Prozent sieht. Dennoch vollzieht sich eher ein Präferenzenwechsel innerhalb des linken Lagers, als dass sich eine grundlegende Tendenz hin zu einer SPD-geführten Regierung erkennen ließe.

Afghanistan-Krise könnte moderatem Außenpolitiker Laschet nutzen

Während die Flutkatastrophe in Westdeutschland den Grünen nicht den erhofften Schwung im Kontext des Klima-Themas verliehen hatte, könnte die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan Laschet auf den letzten Metern einen entscheidenden Vorteil verschaffen.

Seine Botschaft in dem Kontext lautet, dass sich eine Situation wie 2015/16 nicht wiederholen dürfe. Während sich der Unionskandidat zu einer Rettungsaktion zugunsten der sogenannten Ortskräfte bekennt, die mit der Bundeswehr während ihres Einsatzes zusammengearbeitet hatten, will er größere Flüchtlingsströme aus Afghanistan in Richtung EU verhindern.

Dazu braucht er außenpolitische Partner und weiß, dass er neben den unmittelbaren Nachbarstaaten Afghanistans auch Mächte wie Russland oder die Türkei ins Boot holen muss, wenn es um die Verhinderung millionenfacher Wanderungsbewegungen geht. Zudem dürfte die kritische Position von Regierungen wie Ungarn oder Polen zur Flüchtlingsaufnahme auch unter potenziellen Unionswählern mehr Akzeptanz erfahren.

Realismus als möglicher Erfolgsfaktor in der Schlussphase

Anders als die Grünen und SPD-Außenminister Heiko Maas, die sich eher durch eine moralisierende bis konfrontative Politik gegenüber den genannten Staaten hervorgetan haben, gilt Laschet außenpolitisch als moderat und auf Ausgleich bedacht. Dies könnte zur Folge haben, dass ihm eine erfolgreiche internationale Koordination zur Bewältigung von Fluchtbewegungen aus Afghanistan eher zugetraut wird als den linken Parteien, was auch der Union die Mobilisierung im Wahlkampf-Finish erleichtern dürfte.

Zudem könnte sich auch eine realistischere Herangehensweise in der Klimapolitik am Ende noch zugunsten Laschets auswirken. Dass beispielsweise der Klimafolgenforscher Achim Daschkeit vom Umweltbundesamt jüngst in einem Interview mit dem Portal „TRT Deutsch“ Alarmismus als falsche Strategie zur Bewältigung des Klimawandels bezeichnet hatte, dürfte das Vertrauen in die Regierungsparteien auch bei Wählern stärken, die grüne Forderungen nach einem radikalen Gesellschaftsumbau im Zeichen des Klimaschutzes als Bedrohung wahrnehmen.

Der Realitätsschock von Afghanistan dürfte zudem einen ähnlichen Effekt bewirken wie der Ausbruch der Corona-Pandemie im Vorjahr: In Krisenzeiten scheuen Wähler Experimente und stärken eher die Regierungsparteien. Eine Koalition der Mitte wie in Sachsen-Anhalt oder sogar eine erneute gemeinsame Mehrheit für Union und SPD werden auf den letzten Metern wieder wahrscheinlicher.