Mit geradezu jakobinischem Eifer stürzt sich die Stadtverwaltung von New York auf die Umsetzung von Vorschriften, die Ungeimpfte zu Aussätzigen machen. Am schlimmsten betroffen sind die Schwachen. 

Ein weißes, schwarz bedrucktes Blatt klebt an einem Zigarettenautomaten irgendwo in Deutschland. Es scheint eilig dort angebracht worden zu sein, denn der Kleber schlägt Falten im nassen Papier. „UN_geimpfte sind hier UN_erwünscht!“ steht in fetten Lettern darauf gedruckt, außerdem „Aufspüren! Einfangen! Internieren und Durchimpfen“ sowie ein solidarischer „Gruß“ der „Antifaschistischen Aktion“. Leider weiß ich nicht, wer das Plakat tatsächlich dort angeklebt hat. Es könnte eine Provokation unter falscher Flagge, aber auch echt sein.

Die Antifa ist nicht dafür bekannt, in ihren Publikationen und Aktionen Verantwortliche im Sinne des Presserechts zu benennen und hätte im Fall eines Dementis zumindest in der Bevölkerung ohnehin ein Glaubwürdigkeitsproblem. Das gegenwärtige vergiftete politische Klima gibt das Plakat zudem recht treffend wieder. Nicht einmal der autoritäre Ton und die expliziten Gewaltandrohungen erscheinen dem Betrachter unplausibel. Dieser sieht förmlich die Köpfe von Söder oder Lauterbach hinter den klebrigen Kernaussagen des Zettels eifrig nicken. Doch während sich in Deutschland so mancher noch im Galgenhumor übt und verkündet, man wolle sich schon allein deshalb nicht impfen lassen, um dem Eindruck vorzubeugen, man könne sich die teuren Tests nicht mehr leisten, tritt man andernorts in die finale Phase autoritärer Erpressung und des staatlichen Zwangs ein.

„You might have laughed if I told you“

Schließlich hat der vielgelobte Westen in Sachen Corona nicht nur in Deutschland, sondern fast überall den Verstand verloren. In Australien herrschen de facto Kriegsrecht und Ausgangssperre, in Neuseeland verkündete PM Ardern den nächsten landesweiten Lockdown, weil nach nunmehr 170 coronafreien Tagen ein (!) Mann positiv auf das Virus getestet wurde. Warum gleichzeitig die Impfungen für 48 Stunden ausgesetzt wurden? Vermutlich fürchtet Jacinda Ardern, die Kiwis könnten sich beim medizinischen Personal anstecken.

Mit Paranoia oder Verfolgungswahn ist der Geisteszustand der Regierungen Australiens und Neuseelands jedenfalls sehr schmeichelhaft umschrieben. Ebenso die Administration einer Stadt in den USA, weshalb ich den Titel dieses Textes aus der Rede des Berliner Bürgermeisters Ernst Reuter entliehen habe. Als Reuter im Jahr 1948 diese Rede hielt, ächzte Westberlin gerade unter der Blockade der Russen und hoffte besonders auf die Solidarität Amerikas. Berlin erhielt diese Solidarität in Form der Luftbrücke, die Freiheit hatte sich für einen Moment durchsetzen können.

„Memory fuses and shatters like glass“

Nicht nur deutsche Träumer des Liberalismus hatten lange Zeit unter den Stichworten „Freiheit“ und „Amerika“ jene Stadt abgespeichert, in der die Statue der „Miss Liberty“ den Ankömmling schon vom Schiff aus mit dem Licht der Freiheit und der Unabhängigkeitserklärung begrüßte, worin sie verbrieft war. New York war nicht nur für Europäer der Inbegriff für alles, was sich mit Hoffnungen und Erwartungen an die USA klammerte.

Für viele, die sich für besonders Amerika-affin halten, endet die Betrachtung des Landes allerdings hinter den Stadtgrenzen von New York und setzt erst wieder kurz von San Francisco und Los Angeles ein. Für all jene Fly-Over-Progressisten hat der Bürgermeister von New York nun Nachrichten, die das Antifa-Plakat von weiter oben in schrecklicher Weise in angewandte Politik verwandelt: die am 16. August 2021 in Kraft getretene Executive Order 225 (EO 225).

„It’s pulling me apart“

„Key to NYC“ heißt das wie ein Stabreim daherkommende und nun noch verschärfte Programm, mit dem eine ganze Reihe von Einschränkungen für Ungeimpfte autoritär durchgesetzt wird. In der größten Stadt der USA streicht man also ein weites der großen „G“ von der Liste, denn „getestet“ ist ab sofort keine Option mehr für alles, was sich im Erholungs‑, Unterhaltungs- und Fitnessbereich sowie Restaurants in Innenräumen abspielt. Der Zutritt zum „Big Apple“, der Schlüssel zur Stadt – nur über die Impfung ist der noch zu haben. Die Einschränkungen sind umfassend.

Zu den „Covered Entities“ gehören (unabhängig von Größe und Besucherzahlen) nicht nur „Kinos, Musik- oder Konzerthallen, Nachtclubs, Casinos, botanische Gärten, Museen und Galerien, Aquarien, Zoos, Sportarenen und Indoor-Stadien, Kongresszentren und Ausstellungshallen, Theater für darstellende Künste, Bowlingbahnen, Spielhallen, Indoor-Spielplätze, Fitnessstudios, Billard- und Billardhallen und andere Freizeitaktivitäten…“, sondern auch alle Orte, an denen „indoor Speisen und Getränke“ im Sinne einer Restauration angeboten werden. Das bedeutet, dass selbst größere Supermärkte und Einkaufszentren, in denen es meist entsprechende Angebote gibt, Umgeimpften ab sofort verschlossen bleiben.

„I saw the light fading out“

Dass es sich bei diesen Unverschämtheiten keinesfalls um auch nur im Ansatz sinnvolle Maßnahmen zur COVID-Prävention, sondern um willkürliche autoritäre Axthiebe auf die Freiheit handelt, erkennt man an einigen Ausnahmen für die Orte der Zugangsbeschränkung (ausgerechnet Seniorenheime) und an den Personen, denen Bürgermeister Bill de Blasio gnädig Dispens erteilt: nicht ortsansässige Künstler, Profisportler, Sportmannschaften und deren Entourage.

Warum gerade die von der Impfpflicht ausgenommen sind, während für jeden New Yorker und jeden Touristen keine Ausnahmen gelten und Verstöße gegen EO225 nach einer kurzen Übergangsfrist hart bestraft werden, dürfte für eine New Yorker ähnlich schwer zu beantworten sein wie die Frage an Winston Smith, ob sich Eurasien gerade mit Ozeanien oder Ostasien im Krieg befinde.

„It’s easier to leave than to be left behind“

Das offizielle „Vaccination Required Poster for Businesses” wird in 14 Sprachen zum Download angeboten 

Mit einem geradezu jakobinischen Eifer stürzt sich die Stadtverwaltung auf die Umsetzung dieser Selektion. Geschäfte werden aufgefordert, an ihren Eingängen gut sichtbar die offiziellen Hinweisposter anzubringen, schriftlich Pläne auszuarbeiten und der Stadtverwaltung auf Verlangen vorzulegen, wie man die Umsetzung der Zugangsbeschränkungen sicherstellen will. Auch für die Geschäfte sind die angedrohten Strafen empfindlich, weshalb auch eine Hotline für den Fall eingerichtet wurde, dass der Verdacht besteht, jemand könne seinen Impfnachweis gefälscht haben. Das ist nach Federal Law strafbewehrt und kann den Fälscher für lange Zeit ins Gefängnis bringen. Gegen Al Capone hatte das FBI damals kaum mehr in der Hand als heute vielleicht gegen einen Besucher, der sich den Zutritt zu einem Restaurant „erschlichen” haben mag, um klimatisiert sitzend eine Portion Fritten zu verzehren.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Pflicht, neben dem Impfnachweis eine auf denselben Namen lautende, weitere offizielle ID vorweisen zu müssen. Etwa in Form eines Passes, Wählerausweises oder Führerscheins. Nur zur Erinnerung: Es sind die Demokraten, also ausgerechnet die Partei von New Yorks Bürgermeister Bill de Blasio, die sich seit Jahren mit Händen und Füßen gegen verpflichtende Wähler-ID’s mit der Begründung wehrt, gerade Schwarze hätten oft Schwierigkeiten, sich solche offiziellen Dokumente zu verschaffen. Es zeugt meiner Meinung nach von einer gehörigen Portion Prinzipienlosigkeit und selektiver Wahrnehmung, zwar gern das Wahlrecht ungeprüft von allen ausüben lassen zu wollen, den Besuch eines Zoos jedoch nicht nur von einer Impfung, sondern auch von Dokumenten abhängig zu machen, die angeblich gerade viele schwarze Bürger gar nicht haben können.

„Leaving New York, never easy“

Was man übrigens vergeblich in den Ausnahmetatbeständen sucht, sind Hinweise auf diejenigen New Yorker und deren Gäste, denen die Impfung aus objektiv medizinischen Gründen unmöglich oder nur unter unzumutbaren Risiken möglich ist. Ja, diese Menschen gibt es in der Tat, auch wenn sie von allen Politikern gern in den Skat gedrückt werden. Der amerikanische YouTuber Tim Pool suchte auch nach solchen Ausnahmen in den Bestimmungen, fand keine und rief zur Klärung die zuständige Hotline der Verwaltung in NYC an. Die Antwort: No medical Exemptions! Keine Ausnahmen!

Damit ist buchstäblich eine gesetzlich verordnete Segregation von Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen vollzogen, die ab sofort vom normalen Leben in New York ausgeschlossen sind. Ganz abgesehen davon, dass es in der Konsequenz auch eine zutiefst rassistische Maßnahme ist, weil die Impfquote aus vielen Gründen gerade in den „black communities“ um einiges geringer ist als im amerikanischen Durchschnitt. Dies und nicht etwa fehlenden IDs wird nun der Anlass der Diskriminierung, und das NYPD wird schon für die Umsetzung sorgen. Die Polizei in New York wird zwar mit der schnell auf das Niveau der 1970er Jahre steigenden Kriminalität nicht mehr fertig, bewacht aber gern BLM-Straßenmalereien und zerrt künftig sicher, ohne zu murren, Ungeimpfte aus Museen, Supermärkten und Theatern.

Die eine Frage ist nun, wie lange sich die Amerikaner diesen Despotismus wohl gefallen lassen werden. Die andere, wie inspirierend die Söders, Spahns und Lauterbachs hierzulande solche autoritären Ausbrüche finden.

„You don’t need me to tell you now that nothing can compare“ – yet.

Die eingestreuten englischen Zeilen haben meine Leser natürlich längst erkannt. Sie stammen (in veränderter Reihenfolge) aus der Musik zum Text: „Leaving New York“, R.E.M.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf Roger Letschs Blog Unbesorgt.de. Dort finden Sie auch die erwähnten Plakate und Abbildungen.