Ob Laschet oder Söder – die Dilettanten an der Spitze der Unionsparteien richten die einst stolzen Volksparteien systematisch zugrunde. Der Wahlkampfauftakt in Berlin war zum Lachen und zum Weinen.

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Der Union beim Untergang zuzusehen, ist wahrlich kein Spaß. Schließlich haben deren Parteien Deutschland geprägt wie sonst keine. Man fasst es einfach nicht, wie Dilettanten die einst stolzen Volksparteien systematisch zugrunde richten. Doch vergnügungssteuerpflichtig ist das Drama dennoch. Soviel Theater war nämlich noch nie. Und die Hauptdarsteller liefern prompt. Täglich, ja stündlich.

Tränen zum Lachen oder zum Weinen, je nach Sichtweise, dafür ist Armin Laschet, ein echter Öcher Jeck, Garant. Noch nicht einmal die wichtigste Rede seines Lebens will ihm gelingen. Wer die Aufführung im Berliner Tempodrom vom Samstag live verfolgt hat, dem blieb im Parkett der Atem stehen: Der fröhliche Kandidat aus der Karnevalshochburg Aachen versuchte sich in Geschichte und erklärte die Entstehung der GSG 9 – weil wichtig für die Rettung der Union aus der Unions-verursachten Kabul-Rettungs-Pleite. Diese Spezialeinheit sei nach dem Olympia-Attentat von München im Jahr 1972 gegründet worden und hätte sich dann 1977 bewährt, als sie „Deutsche aus der entführten Lufthansa-Maschine in Landshut“ befreit habe.

In Landshut (so hieß die Maschine, Herr Laschet!) — das war kein Versprecher, auch kein Flüchtigkeitsfehler. Sonst hätte die Satzkonstrukltion eine völlig andere sein müssen. Nein, er meinte es so. Landshut, nicht Mogadischu. Wahrscheinlich hatte es ihm einer seiner tollen Berater noch fix als tolles Vernebelungs-Stichwort zugerufen, weil das doch ein tolles Mittel wäre, das Totalversagen seiner tollen Vorgängerin im Parteiamt zu kaschieren.

Im Klartext hieß es jedoch: Das, was unsere großartigen, nicht dilettantischen Vorgänger gegründet haben, konnte nicht bzw. nur zu spät eingesetzt werden, weil „das Annegret“ gerade in Püttlingen Flammkuchen backte und die Weltenkanzlerin im Kino saß. Und ganz nebenbei: Wer zerstört denn gerade genau jene über-lebenswichtigen Spezialkräfte, siehe SEK Frankfurt/Main?!

Doch noch nichtmal dieser Winkelzug, der in seiner frivolen Falschheit 99 Prozent der Journalisten und dem Volk sowieso verborgen geblieben wäre, kam fehlerfrei über seine Lippen. Der Mann hat, um es mit Helmut Kohl zu sagen, einfach keine Fortune. Er tut einem fast schon leid. Denn wer solche Berater hat, braucht keinen Misserfolg mehr.

Nach der peinlichen Weihestunde gings vom Tempodrom nach Kladow, eine der wenigen CDU-Hochburgen Berlins. Selbst dort fehlte Fortune. Herr Wegner, der dort wohnende CDU-Spitzenkandidat für das Amt, das auch die Doppel-Plagiatorin Giffey anstrebt, hatte seine und der anderen Kandidaten Verwandtschaft aufgeboten, um den nicht Gewollten (man war bekanntlich für Söder) jubelnd mit Luftballons zu empfangen. Doch beim Haustür-Wahlkampf gab es gleich die nächste Regiepanne. Eine Frau öffnete, sah die Hausierer in Sachen Regierungschefs und rief in die zahlreichen Kameras und Mikrofone „Oh Gott“ und schlug die Tür wieder zu.

Apropos Gott. Und jetzt wird es ernst. Denn nicht Laschet ist das Problem, das sich von selbst erledigt. Der Untergang kommt aus dem Süden. Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr. Während selbst die Weltenkanzlerin so tat, als hörte sie ihrem Wahrscheinlich-nicht-Nachfolger zu (Masken können barmherzig sein), spielte „der liebe Markus, mit dem ich mir in fast allem einig bin“ demonstrativ mit seinem Handy. Das ist so, als würde man bei seiner eigenen Trauung während der Zeremonie schon mal die Zigarette für danach auspacken.

Die göttliche Angela (vor der der Markus laut öffentlicher Tempodrom-Ehrbezeugung sogar „Gnade gefunden hat“), hatte dem Armin zuvor als hervorragendste Eigenschaft „das Ernstnehmen des C, des christlichen Menschenbildes“ gnädig zugesprochen. Das hörte sich in dem Zusammenhang (man erwartete: Verhandlungs- und Führungsgeschick, Regierungserfahrung oder Trittsicherheit bei internationalen Gipfeln und Krisen etc.) allerdings so an, als hätte sie gesagt: „Er kann übrigens auch prima Auto fahren und Rasen mähen.“ Aber immerhin: Es gibt noch das „C“ In der CDU, verkörpert sogar durch richtige Menschen.

Doch Markus? Protestantischer Christ aus Franken, der einst Kreuze aufhängen ließ, bevor er hinter der Regenbogenmaske verschwand in einem Stadion, dessen Verein sich von den größten Juden- und Israel-Hassern der Welt sponsern lässt: Er beendet seine Rede doch tatsächlich mit einem dreifach donnernden „Toi, Toi, Toi!“ Gottes Segen oder Gott mit uns oder God bless you, das war einmal bei der CSU.

Man schmettert im weiß-blauen Freistaat zwar immer noch gern aus voller Brust die Bayernhymne „Gott mit dir, du Land der Bayern!“ (noch gänzlich un-gegendert, noch!) — doch die wichtigste Rede für diesen wichtigsten Wahlkampf beendet der wichtigste Vertreter des einst wichtigsten politischen Garanten für Christliches mit dem Ruf „Toi, Toi, Toi.“ Beim Wahlkampfauftakt zweier C-Parteien.

Mit einem Mal ist alles anders

Ist Söder damit ehrlich geworden? Denn auch diese Floskel durfte nicht fehlen. Übrigens: die Lieblingsfloskel des Kutschen-Kronprinzen vom Herrenchiemsee überhaupt. Immer wieder zu hören: „Jetzt wollen wir uns mal ehrlich machen“ oder, wie im Tempodrom: „Bei aller Freude, dass wir hier zusammenkommen, und bei aller Selbstvergewisserung — lasst uns auch einen Moment ehrlich sein“ — und sprach dann von den schlechten Umfragen und dass es nun um alles geht.

Ja, man braucht keine Goldwaage für jedes Wort. Da ist schon eine Paletten- oder Lasten-Waage fällig. Man braucht auch kein tiefen-psychologisches Hochschulstudium. Meine Oma, einfache Volksschülerin aus schlichten Verhältnissen, analysierte seinerzeit messerscharf, was dem fehlt, der dauernd seine Ehrlichkeit betonen muss. Dabei hieß sie noch nichtmal Seehofer…..

Aber es ist schon bemerkenswert: In ihrer selbstvergewissernden Wahlkampf-Weihestunde (man höre sich unbedingt mal die Reden an, es lohnt sich!) war die Union „einen Moment ehrlich.“ Wenigstens für einen Moment. Ich fragte einen allseits bekannten Kollegen: „Wenn ich die Reden so höre: Wer hat eigentlich die letzten 16 Jahre regiert?“ Prompte Antwort: „Das muss ich mal googeln.“

Nicht googeln müssen Sie, was Sie wählen wollen, liebe Leser. Das kann man wissen. Die im Blog bei TE (oder auch bei achgut) jetzt immer wieder erhobene Forderung, die hier schreibenden Journalisten (!) sollten sich doch endlich „bekennen“ oder „Wahlempfehlungen abgeben“, erstaunen mich. Ich würde mir das als Leser jedenfalls verbitten. Ich will gut informiert werden, um eine eigene, persönliche und begründete Entscheidung selbst treffen zu können. Alles andere ist genau der Journalismus, der an den Linken zu Recht beklagt wird: Missionsjournalismus und Meinungsmache. Das nötig zu haben, dazu halte ich meine Leser allerdings für zu intelligent.