Kein Wunder, dass die Staatsverdrossenheit steigt, wenn für Bundestagsabgeordnete andere, bequemere Corona-Regeln gelten als für die Bürger.

IMAGO/Political Moments

Es gibt Dinge, die sind so unverschämt, dass man sie beim Hören nur für einen dummen Witz halten kann. Doch das ist leider nicht immer so. Frechheit und Dreistigkeit sind bekanntlich Geschwister. Dieses unangenehme Paar hat jetzt den Deutschen Bundestag geritten. Für diesen offenkundigen neuen Adel der Bundesrepublik gelten natürlich Corona-Bedingungen der VIP-Klasse. Für den dummen Deutschen Michel, der den ganzen Laden durch Arbeit und Steuern am Laufen hält, hat die Obrigkeit über Nacht bekanntlich die Genesungsfrist nach einer überstandenen Corona-Erkrankung von sechs auf drei Monate verkürzt. Nur die Abgeordneten des Deutschen Bundestages bekommen eine Extrawurst gebraten. Für sie beträgt die Frist weiterhin sechs Monate.

Als ob die Abgeordneten nicht schon genügend Privilegien hätten: Freiflüge in der Business-Klasse innerhalb Deutschlands, ein First-Class-Ticket auf allen Strecken der Deutschen Bahn – natürlich auch kostenlos, extra zugeschnittene private Krankenversicherungen bei der DKV, Abgeordnetenrabatte mal ganz offen und mal versteckt. Doch die Extrawurst in Sachen Corona-Regeln übertrifft das alles bei Weitem.

Eigentlich sind die Abgeordneten Angestellte des deutschen Volkes. Dieses hat sie gewählt und dieses sollen sie vertreten. Stellt sich sofort die Frage, warum die vielen süßen Pralinchen.

Als der langjährige CDU-Politiker und Münchner Staranwalt Peter Gauweiler vor Jahren sein Mandat zurückgab, begründete er seinen Schritt unter anderem so: Ohne jedes Problem könne man den Bundestag in seiner Stärke um 80 Prozent reduzieren. Die wirklichen Entscheidungen treffen eh nur drei bis fünf Leute in den jeweiligen Spitzen von Parteien und Fraktionen. Die meisten Abgeordneten wüssten gar nicht, über was sie da abstimmten.

Corona-Update 17. Januar 2022

Natürlich gebe es auch sehr fleißige Volksvertreter, aber sehr viele seien gar nicht in der Lage, die komplexen Materien zu durchschauen. Übrig blieben stundenlange inhaltsleere Sitzungen – nur zu ertragen durch die Vorfreude auf die allabendlichen, besonders alkoholischen Genüsse auf den diversen Empfängen, wobei fast immer drei bis fünf Termine pro Abend anstehen. Er, so Gauweiler damals, könne für sich dieses Treiben gegenüber den Wählern nicht verantworten.

Und jetzt wundere sich noch jemand, dass die Bürger immer weniger Vertrauen in die politische Klasse haben und der Unmut im Lande zunimmt.

Der Corona-Beschluss muss schleunigst mit einer tiefen Verbeugung vor den Wählern zurückgenommen werden. Ansonsten sollte niemand von den Damen und Herren das Wort „Anstand“ noch einmal in den Mund nehmen.

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