Veröffentlicht am 27. Januar 2022 von RL.

Bundeskanzler Olaf Scholz will in Deutschland die allgemeine Impfpflicht einführen. Eine Massnahme, die zahlreichen Menschen deutlich zu weit geht. Bereits kürzlich wandten sich vor diesem Hintergrund zahlreiche Fachärzte in einem offenen Brief an Politiker der Länder und des Bundes sowie auch an die Körperschaften der Ärzte und Zahnärzte (wir berichteten).

Nun ziehen auch Psychologen und Psychotherapeuten nach. In einem offenen Brief kritisieren sie die anvisierte Impfpflicht scharf. Angesichts der Wichtigkeit der Thematik veröffentlichen wir den Brief hier in Gänze:

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«Sehr geehrte Damen und Herren des Vorstandes und der Vertreterversammlung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), sehr geehrte Damen und Herren des Vorstandes und des Länderrates der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK),

bezugnehmend auf die aktuell erlassene einrichtungs- und berufsbezogene Impfpflicht besteht für ungeimpfte approbierte PsychotherapeutInnen und PsychologInnen in entsprechenden Einrichtungen sowie für FachkollegInnen, die ihren Genesenenstatus verlieren oder sich keiner fortlaufenden Boosterimpfung unterziehen möchten, mit Auslaufen der Frist vom 15. März 2022 ein «Quasi-Berufsausübungsverbot». Über eine entsprechende Impf- und Meldepflicht (Impfstatus) wurde bereits in einigen Bundesländern vonseiten der zuständigen Psychotherapeutenkammern und Kassenärztlichen Vereinigungen informiert.

Während an Kliniken angestellten ungeimpften FachkollegInnen das Betreten des Klinikgeländes vonseiten ihrer Arbeitgeber ab dem 16. März 2022 untersagt wird, bereits die Kündigung ausgesprochen oder angedroht wurde, sind niedergelassene approbierte PsychotherapeutInnen um ihre Kassensitze, Zulassungen und die Möglichkeit der Ausübung ihrer Tätigkeit besorgt. Und dies vor dem Hintergrund, den Versorgungsauftrag psychisch erkrankter Menschen im Rahmen des Kassensitzes oder an Kliniken nicht mehr aufrechterhalten zu dürfen.

Ungeachtet der unterschiedlichen Einstellungen der jeweils Unterzeichnenden zur Impfung, möchten wir Verbindendes schaffen und solidarisieren uns ausdrücklich mit allen KollegInnen, die aufgrund ihres Impfstatus aus der psychotherapeutischen und psychologischen Versorgung ausgegrenzt werden sollen!

Wir sprechen uns ausdrücklich gegen eine Ausgrenzung, gegen eine Bestrafung und gegen Berufsausübungsverbote von ungeimpften KollegInnen aus!

KollegInnen verlassen mittlerweile das Land, gehen in vorzeitige Berentung, legen ihre Tätigkeit nieder, sind erschöpft und geängstigt im Krankenstand, erwägen den Ausstieg aus der kassenärztlichen Versorgung, und wir haben nicht nur PatientInnen, sondern auch KollegInnen infolge zunehmender gesellschaftlicher und kollegialer Ausgrenzung, Abwertung, Ängstigung und zunehmenden Druckes suizidal verloren, was uns fassungslos zurücklässt.

All unsere FachkollegInnen geben ihr Bestes, um die Versorgung von PatientInnen aufrechtzuerhalten!

Wir rufen die fachübergeordneten Institutionen und Vereinigungen, konkret die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK), die zuständigen Landespsychotherapeutenkammern, die Kassenärztlichen Vereinigungen der Länder sowie die Deutsche Psychotherapeutenvereinigung (DPtV) und den Bundesverband für Vertragspsychotherapeuten e.V. (bvvp) dazu auf, ihre in der Patientenversorgung tätigen Mitglieder in der Gesamtheit zu unterstützen und der Ausgrenzung, Bestrafung und den Berufsausübungsverboten von ungeimpften KollegInnen mit Nachdruck entgegenzuwirken! Unsere Berufsgruppe braucht in der Gesamtheit Unterstützung!

Wir brauchen jede/n unserer KollegInnen als Mensch und als Berufsausübende/n, gerade jetzt, wo ein sehr hoher Bedarf an psychologischer und psychotherapeutischer Versorgung in allen Bevölkerungsteilen besteht und noch Jahre nach der Coronazeit bestehen wird.

Auch in unserer Berufsgruppe darf die Spaltung nicht verstärkt werden, indem man anhand des Impfstatus KollegInnen ausgrenzt oder bestraft! Daher gebührt impfbefürwortenden und impfbesorgten KollegInnen in gleichem Masse Unterstützung und Akzeptanz.

Weder psychotherapeutische noch psychologische Praxen, Kliniken und Institutionen gelten als Infektionstreiber oder Orte aussergewöhnlicher Infektionsgefahr, da auch in diesem Fachbereich hohe Hygienestandards bestehen.

Zur Sicherung psychotherapeutischer und psychologischer Versorgung von PatientInnen in den kassenärztlichen Niederlassungen, Kliniken und Institutionen, im Sinne der Menschlichkeit, Würde und fachlichen Wertschätzung, bitten wir um entsprechende Unterstützung für alle KollegInnen und damit um Verbindendes!

Wir stellen uns damit klar gegen eine Spaltung, Ausgrenzung, Bestrafung und gegen Berufsausübungsverbote von ungeimpften Kolleginnen und Kollegen und bitten um Ihr Mitwirken im Sinne der Gesamtheit unserer Berufsgruppe und zur Sicherung der Patientenversorgung!»