Patrik Gisel gerät in den Vincenz-Sturm. Der Nachfolger des Bündners an der operativen Spitze bei der Dritten Kraft im Land liess sich vom charismatischen Banker bis zuletzt manipulieren.

Das zeigen abgehörte Gespräche unmittelbar vor der Verhaftung von Pierin Vincenz und dessen Verbündeten Ende Februar 2018.

Unter dem Codenamen „Armstrong“ beschattete damals die Polizei Vincenz und Beat Stocker. Auf unzähligen transkribierten Seiten taucht wiederholt Patrik Gisel auf.

„Sonst kommen auf einmal Sachen heraus“ (IP)

So ab Seite „80203120“. Diese gibt ein Gespräch zwischen Vincenz und Gisel vom Donnerstag, 22. Februar 2018, wider, 5 Tage vor Vincenz‘ Verhaftung.

Die beiden unterhalten sich über ein Communiqué zu Investnet, ein Private Equity-Jointventure von Raiffeisen, Vincenz und den zwei Investnet-Gründern, die ebenfalls im laufenden Prozess vor dem Zürcher Richter stehen.

Vincenz sollte in Kürze wegen seinen Negativ-Schlagzeilen, die damals die Runde machten, als Präsident von Investnet zurücktreten, an der er offiziell seit 2015 mit 1,5 Millionen eigenem Geld beteiligt ist.

Vincenz findet die Passage „sofort zurücktreten (…) etwas hart“, steht in der wörtlich zitierten Aufzeichnung.

Gisel meint darauf, „wenn man zu lange warten würde, müsse man das gar nicht mehr kommunizieren (…) weshalb man sagen könne, ‚per ausserordentlichen GV am 12. März‘ (…)“.

Im 15minütigen Gespräch nach sieben Uhr am Abend zeigt sich Gisel erstaunt, dass Vincenz und die beiden Gründer von Investnet noch keinen klaren Aktionärsvertrag miteinander hätten. Er habe gemeint, Vincenz halte „37,5“ Prozent.

Gisel bietet Vincenz an, sich wieder bei ihm zu melden, er sei „über das Wochenende“ erreichbar. Dann fragt er seinen Ex-Chef, „ob er etwas helfen könne“.

Es folgt ein „Wortprotokoll“, sprich eine wortwörtliche Widergabe einer in den Augen der Fahnder wichtigen Passage.

Vincenz meint mit Blick auf seine Investnet-Partner, die den Bündner loswerden wollen, es könnten „auf einmal Sachen“ herauskommen.

Darauf Gisel: „Ja“. Und Vincenz: „…. die sie vielleicht auch nicht wollen, oder? Jaa.“ Schliesslich Gisel: „Ja ja“.

Tour de Suisse? (IP)

Später sprechen die beiden über Doris Leuthard. Die Noch-Bundesrätin zeigte zu jenem Zeitpunkt Interesse am Präsidium der Raiffeisen. „Das hätten vier Personen in der Bank gewusst“, meint Gisel.

Leuthard winkte nach dem Leak mittels Communiqué ab. „Sie habe jedoch ein grundsätzliches Interesse gehabt“, zitiert das Gesprächsprotokoll der Polizei den Raiffeisen-Chef.

Am Sonntag, 25. Februar 2018, zwei Tage vor der Razzia bei Vincenz in dessen Appenzeller Villa, unterhalten sich Vincenz und Gisel erneut. Das Gespräch dauert knapp 7 Minuten.

Gisel kann Vincenz gute Nachrichten verkünden. „Sie (die Raiffeisen, AdR) würden den ‚Groove‘ fahren, dass man sage, mit diesen kommunizierten Massnahmen sehe er keinen Grund die Investitionstätigkeit nicht fortzusetzen (…).“

Zuvor hatten die zwei Raiffeisen-Delegierten im fünfköpfigen VR der Investnet weitere Kredite der Bank auf Eis legen wollen. Sie unterlagen mit 3:2.

Die von Raiffeisen zusammen mit Privatinvestoren aufgeworfene Kreditsumme für den Aufkauf von KMUs war da bereits auf 250 Millionen angestiegen.

Vincenz und die beiden Investnet-Gründer, Peter Wüst und Andreas Etter, hofften auf weitere 100 Millionen aus der Raiffeisen-Schatulle, um Investnet am Laufen zu halten. Ziel war ein Börsengang.

Die Zeit dränge, sind sich Gisel und Vincenz im Gespräch vom Sonntag Vormittag einig. Man müsse „schauen, dass das morgen oder am Dienstag raus gehe“, so der Raiffeisen-Boss.

Gemeint ist eine gemeinsame Presse-Mitteilung von Raiffeisen und Investnet zum Rückzug von Vincenz als VR-Präsident des Private Equity-Vehikels.

Diese ging am Folgetag an die Medien raus.

Am Abend des Sonntags, 25. Februar, telefonieren Gisel und sein langjähriger Vorgesetzter, der dem neuen Mann das Steuer gut 2 Jahre zuvor übergeben hatten, erneut.

In weniger als 36 Stunden würde Vincenz zuhause verhaftet.

Das Gespräch dauert nur gut 2 Minuten. Gisel teilt Vincenz auch diesmal Erfreuliches mit. Er habe mit seinem Finanzchef die Lage von Investnet besprochen, gemäss den vorliegenden Informationen „bestehe kein Risiko für eine Wertberichtigung auf einer Beteiligung“.

Das sollte sich als Trugschluss erweisen. Nach der Verhaftung von Vincenz zog Raiffeisen der Investnet den Stecker. Die Bank musste sich einen dreistelligen Millionenbetrag ans Bein streichen.

Am Montag, 26. Februar 2018, glaubt Gisel noch, er könne den Skandal als Chef der Raiffeisen „überleben“. Sein Fokus liegt auf der Jahres-Pressekonferenz, die 4 Tage später, am Freitag, stattfinden würde.

Statt seine Nähe zu Vincenz beschäftigt Gisel ganz anderes. Er forderte von seinen Presseleuten, den hier Schreiben am bevorstehenden Medienanlass nicht teilnehmen zu lassen.

Dieser soll „nachträglich ausgeladen werden nachdem er schon eine Zusage erhalten hat dass er kommen darf“, steht in einer SMS, das Vincenz vermutlich von seiner Frau Nadja Ceregato am Tag vor seiner Verhaftung erhält.

„Die entsprechende Korrespondenz hab ich am Wochenende bei roli gesehen“, steht im SMS an Vincenz, wobei wohl die Rede von Roland Schaub ist, dem langjährigen Rechtschef der Raiffeisen und Vorgesetzten Ceregatos.

„Gisp (Gisel, AdR) wollte ihn ausladen und hat Cecile (die Medienchefin der Raiffeisen, AdR) zusammengeschissen“, so der Text in der Botschaft. „Das gibt wieder eine Story.“