Die Stimmung der deutschen Wirtschaft bricht ein und vermutlich auch die Wirtschaftsleistung. Unter Ökonomen wird immer deutlicher von einer Rezession als Kriegsfolge gesprochen. Indessen geht der Internationale Währungsfonds von schwerwiegenden Folgen des Kriegs für die globale Wirtschaft aus.

IMAGO/Steinach

Durch den Krieg in der Ukraine sind die Konjunkturerwartungen eingebrochen. Das Stimmungsbarometer des Mannheimer Forschungsinstitut ZEW meldete am Dienstag einen Rückgang seines Stimmungsbarometers im März gegenüber Februar um 93,6 Punkte auf minus 39,3 Punkte. Das ist das stärkste Minus seit es das Barometer gibt (Dezember 1991). Vor genau zwei Jahren, zu Beginn der Pandemie fiel das ZEW-Barometer um 58,2 Punkte, damals aber aus einem niedrigeren Stand. Damals erreichte es den absoluten Tiefstand von minus 49,5 Punkten. Die Bewertung der Konjunkturlage ging weniger deutlich zurück: um 13,3 Punkte auf minus 21,4 Zähler. Hier waren minus 22,5 Punkte erwartet worden.

„Eine Rezession wird immer wahrscheinlicher“, sagte ZEW-Präsident Achim Wambach. „Der Ukrainekrieg und die Sanktionen gegen Russland verschlechtern den wirtschaftlichen Ausblick für Deutschland ganz erheblich. Die einbrechenden Konjunkturerwartungen gehen einher mit extrem steigenden Inflationserwartungen.“

Ein schrumpfendes Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland war aufgrund der Corona-Pandemie zuletzt im Jahr 2020 mit 4,6 Prozent zu verzeichnen. Zwar erholte sich das BIP  im vergangenen Jahr um 2,9 Prozent. Allerdings ging im vierten Quartal 2021 das BIP wieder um 0,7 Prozent zurück. Doch mit dem Krieg gegen die Ukraine ist bei Weitem nicht mit der bisherigen Prognose von drei Prozent Wachstum im Jahr 2022 zu rechnen.

„Wir sind pessimistisch, was die Aussichten für europäische Vermögenswerte angeht, und halten es für realistisch, dass es in Europa noch vor Ende des Jahres zu einer Rezession kommen könnte“, sagt etwa Seema Shah, Chef-Strategin beim US-Vermögensverwalter Principal Global Investors. Darüber hinaus sei ein müheloses Eindämmen der Inflation nur schwer vorstellbar. Diese Aussage ist nicht weiter verwunderlich, betrug doch die Inflationsrate im Februar dieses Jahres 5,1 Prozent. Im März dürfte sie weit darüber liegen, was nicht nur den steigenden Energie- und Kraftstoffpreisen geschuldet ist.

„Insgesamt ist ein nochmaliger Rückgang des Bruttoinlandsprodukts und somit eine technische Rezession wahrscheinlich“, sagte Nils Jannsen, Konjunkturforscher des Kieler Instituts für Wirtschaftsforschung IfW bereits Ende Januar dieses Jahres – das war drei Wochen vor Beginn von Putins Krieg in der Ukraine. Bereits im März dürfe die Produktion spürbar gedämpft werden, zudem bremse der deutliche Energiepreisanstieg den Konsum. Die deutsche Wirtschaft, also das BIP, wird in diesem Quartal offenbar schrumpfen. Zumindest ist von einer „technischen Rezession“ die Rede. Diese tritt ein, wenn das Bruttoinlandsprodukt zwei Quartale in Folge im Minus steht.

Sowohl Oliver Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik am Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle, als auch Torsten Schmidt, Konjunkturchef des Essener RWI Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, kündigten laut der Welt an, dass sie demnächst die Jahresprognosen für 2022 senken werden.

Und beim Institut der deutschen Wirtschaft (IW) heißt es: „Der russische Angriffskrieg wirkt sich negativ auf deutsche Unternehmen aus. Vor allem hohe Energiepreise und fehlende Gaslieferungen sorgen für Belastungen – besonders in der Industrie. … 62 Prozent von 200 befragten Betrieben erwarten eher große bis sehr große Belastungen infolge der erhöhten Energiepreise, in der Industrie sind es sogar 70 Prozent.“

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht von einer sinkenden Wirtschaftsleistung in Deutschland aus, verbunden mit noch stärker steigenden Preisen. So befürchtet DIW-Präsident Marcel Fratzscher in der Neuen Osnabrücker Zeitung, „dass die deutsche Wirtschaft jetzt wieder in eine Rezession abgleitet“.

„Eine Rezession in Deutschland bei gleichzeitig hoher Inflation entwickelt sich damit mehr und mehr zum Basisszenario“, sagte unlängst Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. Dies würde den Konsum und das Wirtschaftswachstum empfindlich treffen. Auch eine Stagflation mit anhaltend hoher Inflation und geringerem Wachstum sei nicht mehr ausgeschlossen.

„Allein die direkte Kaufkraftabschöpfung bei den privaten Haushalten durch höhere Energiepreise veranschlagen wir für das laufende Jahr auf rund 35 Milliarden Euro“, unterstreicht Stefan Kooths, Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Da nutzt auch der geplante Sprit-Rabatt von Finanzminister Lindner wohl wenig. Aktuell sinkt der Preis für Rohöl (Stand 15.03.2022) um 6,5 Prozent auf 106 US$ je Barrel Brent. Offenbar deshalb, weil es eine erneute Verhandlungsrunde zwischen Vertretern Russlands und der Ukraine gibt und damit Entspannungserwartungen beflügelt werden.

Jedenfalls warnt auch der Internationale Währungsfonds (IWF) vor den Folgen des Kriegs für die globale Wirtschaft, nämlich weniger Wachstum, höhere Inflation und höhere Zinsen. IWF-Chefin Kristalina Georgieva sieht vor allem auf Russland eine tiefe Rezession zukommen. Wegen der Abwertung des Rubels treibe dies die Inflation in die Höhe und habe zur Folge, dass der Lebensstandard sinke. Außerdem gehe wegen der Kriegssorgen der Welthandel zurück. Die Zuversicht der Verbraucher schrumpfe. Ob der IWF seine Prognose für das Weltwirtschaftswachstum senken werde, wollte Georgieva noch nicht preisgeben.

Für die vom russischen Angriffskrieg heimgesuchte Ukraine befürchtet der IWF einen dramatischen Wirtschaftseinbruch. Laut dem Handelsblatt wird das Bruttoinlandsprodukt demnach um zehn Prozent einbrechen – und selbst diese Prognose beruht auf der Voraussetzung „einer baldigen Lösung des Kriegs und bedeutender Hilfe von Gebern“. Jede Prognose sei derzeit unsicher.

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