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Cancel Cuisine: Hamburger

Besser als ein seit Stunden unter der Rotlichtlampe schwitzendes Stück Leberkäse aus dem Warmhaltetresen der Tanke schmeckte dieses Ensemble immer, auch wenn ich, zurück auf der Autobahn, sofort wieder Hunger bekam.

Beim Fastfood-Konzern McDonald‘s läuft momentan nicht alles rund, von der Produktion der scheibenförmigen Hackbratlinge einmal abgesehen. Zuerst verkaufte der Burgerbrater nach Putins Einmarsch in der Ukraine seine 850 Filialen im größten Flächenstaat der Erde – vermutlich zu einem Spottpreis – an einen russischen Geschäftsmann und verzichtete damit auf neun Prozent des weltweiten Konzernumsatzes. Und dann verstrickte man sich auch noch in einen handfesten Diskriminierungsskandal.

Die Geschichte soll sich in einem Ort namens Chicopee zugetragen haben, „etwa 128 Kilometer westlich von Boston“, wobei das „etwa“ in dem betreffenden SPON-Artikel ungemein faktenorientiert klingt, weil jene etwa 128 Kilometer, die die Redakteure wohl auf Google Maps ermittelt haben, ja eine ziemlich genaue Angabe sind. In diesem Ort also soll eine Familie muslimischen Glaubens in der dortigen McDonald‘s-Filiale ein Fischsandwich bestellt haben. Dieses Sandwich soll, so lesen wir weiter, offenbar in diskriminierender Absicht mit gebratenem Schweinespeck kontaminiert gewesen sein. 

Jedenfalls wandte sich die betroffene Familie, die sich gegenüber den Mitarbeitern des Schnellrestaurants mit entsprechender Kleidung wie einem Kopftuch und einem Abaya genannten Überkleid korrekt als Muslime ausweisen konnte, postwendend an eine Bürgerrechtsorganisation, die nun von McDonald‘s nicht nur Schadensersatz verlangt, sondern auch eine bessere Schulung der Mitarbeiter, „um einen ähnlichen Vorfall in Zukunft zu verhindern“.

Party mit Blick hinter die Kulissen des Prekariatsverköstigers

„McDonald‘s hat meinen Kindern und mir das Gefühl gegeben, unerwünscht und wertlos zu sein“, wird die von Diskriminierung betroffene Muslima in der Beschwerde zitiert, wobei einer der Söhne immerhin noch die untere Hälfte des Sandwichs sowie einen Teil des Fischfilets gegessen haben soll. Für den nicht konsumierten Teil des Sandwiches sei der Familie später im Laden der Kaufpreis erstattet worden. Ein Versehen halte man für ausgeschlossen. Für die Aktion gebe es keinen anderen Grund als den, „uns für unseren Glauben und unsere religiösen Überzeugungen zu bestrafen.“

Dem Konzern wäre dringend zu raten, künftig auf die Verpackungen seiner Burger und sonstigen kulinarischen Angebote einen Warnhinweis anzubringen: „Achtung: Unsere Produkte können produktionsbedingt Arten von Lebensmitteln enthalten, darunter verschiedene Sorten von Fleisch oder Fisch“. Analog zu dem Aufdruck „Vorsicht heiß“ auf Pappbechern für den beliebten Coffee-to-go. Zur Erinnerung: Anfang der 1990er Jahre erstritt eine US-Amerikanerin von McDonald‘s 640.000 Dollar Schmerzensgeld, weil sie sich Verbrühungen zugezogen hatte, nachdem sie einen heißen Becher Kaffee zwischen die Füße geklemmt und dabei einen Teil der Flüssigkeit verschüttet hatte. Vielleicht winkt der muslimischen Familie aus Chicopee ja ein ähnlicher Geldsegen.

Mein Mitleid mit McDonalds hält sich übrigens stark in Grenzen, ist der Konzern doch in entscheidender Weise mitverantwortlich für den Untergang der bürgerlichen Esskultur, insbesondere der Tischsitten sowie des traditionellen Kindergeburtstages. Seit es fürs feierwütige Jungvolk zum Basispreis von 25 Euro (zuzüglich Konsum) im Rahmen einer „Burger Birthday Party“ satte „90 Minuten Partyspaß“ gibt, mit „coolen Spielen“ und Blick hinter die Kulissen des Prekariatsverköstigers, sind Topfschlagen, Sackhüpfen und Kalter Hund im Programm.

Wie man einen Burger mit Pommes-Gabeln zerteilt 

Aus kulinarischer Sicht ist die Kombination von Fisch und Schweinespeck zwar nicht unüblich, wenn man etwa an eine mit gebratenem Frühstücksspeck bestreute Scholle „Finkenwerder Art“ denkt, doch bei McDonald‘s und Burger King ist mir so etwas noch nicht untergekommen. Wobei ich mich jetzt dabei ertappt fühlen muss, selbst zu deren gelegentlichen Kunden zu zählen. Oder gezählt zu haben. Als ich nämlich berufsbedingt noch lange Autobahnfahrten unternahm, zog ich die Filialen der Fastfooder in den privaten „Autohöfen“ allemal dem Angebot regulärer Autobahnraststätten vor. 

Mein Menu bestand immer aus einem Cheeseburger, einer Portion Chicken McNuggets, einer mittleren Pommes sowie einem mittleren Milchkaffee, wobei ich mich, zum Erstaunen der Umsitzenden, darum bemühte, mir diese Köstlichkeiten ohne unmittelbaren Gebrauch der Hände einzuverleiben. Zu diesem Zweck angelte ich mir zwei der am Tresen stets bereit liegenden winzigen, hölzernen Pommes-Gabeln, zerlegte den Burger mit ihrer Hilfe in seine Einzelteile und spießte diese dann mit dem Zweizack auf. Die nicht unterkomplexe Vorgehensweise ersparte mir zumindest den Gang auf die versiffte Toilette zum Händewaschen. Zur kostenlosen Lektüre während der Mahlzeit lagen immer bedruckte Papiersets bereit, auf denen McDonald‘s über allfällig soziale, ökologische und tierschützerische Großtaten informierte.

Besser als ein seit Stunden unter der Rotlichtlampe schwitzendes Stück Leberkäse aus dem Warmhaltetresen der Tanke schmeckte dieses Ensemble immer, auch wenn ich, zurück auf der Autobahn, sofort wieder Hunger bekam, erneut nach den turmhohen Werbetafeln Ausschau haltend, den ich dann in einem der nächsten Autohöfe mit einem großen Milchshake, Geschmackstyp Vanille, zu stillen hoffte. Eine echte Kalorienbombe und total künstlich, aber irgendwie geil. 

Nicht mehr reflexartig die Nase rümpfen

Mittlerweile muss ich nur noch selten lange Autobahnfahrten absolvieren, und meine gelegentlichen Besuche bei McDonald‘s & Co. sind zu Geschichten aus dem Buch der Jugendsünden herabgesunken. Trotzdem möchte ich über Hamburger und ihre Derivate wie Cheese- und Fischburger an dieser Stelle kein generelles Verdikt aussprechen. Seit in Deutschland die „neue Burgerkultur“ Einzug gehalten hat und es sich kein Restaurant mehr leisten kann, einen solche Mahlzeit nicht vorrätig zu halten, muss man darob nicht mehr reflexartig die Nase rümpfen. 

Wenn ein verantwortungsbewusster Koch am Werk war, das Brötchen nicht verbrannt, der Fleischklops nicht ausgedörrt, die Cocktailsoße hausgemacht, die Tomatenscheibe nicht nur aus Wasser besteht und das Salatblatt noch knackig ist, lassen sich mit einem Burger auch gehobene kulinarische Ansprüche erfüllen. Dazu frittierte Kartoffelspalten oder Pommes, wobei die modischen Süßkartoffelfritten zwar einen hohen Suchtfaktor aufweisen, der aber, wie alle Suchtfaktoren, einer schnell abnehmenden Tendenz unterliegt.

Zum ersten Mal in meinem Leben aß ich solch einen Luxusburger in den 90er Jahren in New York, in einem gehobenen Restaurant in Greenwich Village, und war sehr erstaunt darüber, dieses ziemlich lecker schmeckende Sandwich nicht in der Styroporbox, sondern auf einem Teller präsentiert zu bekommen, nebst Besteck natürlich. Noch erstaunter war ich über die heruntergekommenen Filialen der Fastfooder mit ihren abgesessenen Sitzpolstern, abgestoßenen Tischen, versifften Fußböden und einer insgesamt überaus trashigen Anmutung. Eine Entwicklung, die uns im Zeichen beschleunigten wirtschaftlichen und sozialen Niedergangs noch bevorsteht.

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DATUM

Juni 12, 2022

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