Informiert man sich beispielsweise im neuen Hamburger Schulgesetz (3) über den Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule, so stößt man in §2 (2) auf diese Passage:

„Unterricht und Erziehung sind auf die Entfaltung der geistigen, körperlichen und sozialen Fähigkeiten sowie auf die Stärkung der Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Schülerinnen und Schüler auszurichten. Sie sind so zu gestalten, dass sie die Selbstständigkeit, Urteilsfähigkeit, Kooperations-, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit sowie die Fähigkeit, verantwortlich Entscheidungen zu treffen, stärken.“

Während man vielem davon gern uneingeschränkt zustimmen möchte, stolpert man eventuell doch über die prominente Platzierung von „Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft“, in welcher sich der gesellschaftliche Auftrag von Schule nämlich recht unzweideutig manifestiert — leistungsfähige und leistungsbereite Bürger zu produzieren. Nun sind Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit an sich gewiss nichts Verwerfliches, nur scheint mir hier eine sehr utilitaristische, wirtschaftsfreundliche Kalibrierung von Bildung und Erziehung vorgenommen zu werden, die einer wahrhaft freien „Entfaltung der geistigen, körperlichen und sozialen Fähigkeiten“ junger Menschen wenig Spielraum lässt.

Dass dies kein Zufall und Schule in Deutschland weiterhin und maßgeblich einem geheimen — und teilweise auch gar nicht so geheimen — Lehrplan unterworfen ist, bemerken kritische Schüler und aufmerksame Eltern an vielen Stellen. Immer mehr Schulen schmücken sich zum Beispiel mit einer Zertifizierung als „BNE-Schule“ (4). Diese „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ ist die deutsche Umsetzung der Agenda 2030 der UNESCO durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und orientiert sich an den 17 „Sustainable Development Goals“ (SDGs), auf Deutsch: Ziele für nachhaltige Entwicklung. In allen Bundesländern werden diese 17 Nachhaltigkeitsziele ohnedies Zug um Zug in den Bildungsplänen verankert. Worum es dabei genau geht, veranschaulicht das BMFB auf seiner BNE-Portal-Seite (5) in kurzen Filmchen und Texten.

Von globalen Bedrohungen wie Pandemien und einem steigenden Meeresspiegel ist dort ebenso zu erfahren wie von der Notwendigkeit einer nur moderaten Bevölkerungsentwicklung. Den Schülern seien Wissen und Werte nahezubringen, „wie sich das Morgen in unserer Welt zuhause fühlen kann“ (6). Um welche Werte es sich dabei handeln könnte, legen neben den 17 SDGs bunte Zeichnungen von Windrädern, E-Autos, „diversen“ Menschen und fröhlich an frischer Luft demonstrierenden jungen Menschen nahe.

Sollte einen nun das ungute Gefühl einer etwas schlichten und womöglich ideologisch einseitigen Simplifizierung wissenschaftlich höchst komplexer Zusammenhänge beschleichen, dann sei auf das Zitat des auf der Portalseite bemühten wissenschaftlichen Beraters des Weltaktionsprogramms, Professor Doktor Gerhard de Haan, der Freien Universität Berlin verwiesen:

„Wichtig ist, auszuhalten, dass man nicht alle Informationen zu einem Thema haben kann. Und trotzdem entscheidungsfähig ist. Das ist eine Grundbedingung für die Zukunft, ganz unabhängig davon, ob es um das Thema Nachhaltigkeit geht.“

„Entscheidungsfähigkeit“ und Nachhaltigkeit im Sinne der Agenda 2030 wären somit wesentliche Lernziele. Wie diese in Zeiten heraufziehender Energiekrisen erreicht werden können, verdeutlichen Handreichungen und Unterrichtseinheiten zum Thema Energiesparen, die die Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburger Pädagogen zur Verfügung stellt (7). In einem dort verlinkten und in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie entstandenen Erklärfilm berichtet zum Beispiel die Influencerin Lisa Sophie Laurent, wie es ihr 24 Stunden ohne Strom erging, wobei schon die Herausforderung, auf ihre elektrische Zahnbürste zu verzichten oder längere Zeit zu Fuß gehen zu müssen, die junge Frau hart auf die Probe stellte, ganz zu schweigen von ihrer Langeweile im Dunkeln, aus welcher sie nur der Schlaf zu erretten vermochte (8).

Dass es bei all diesem weniger um selbständiges, kritisches Denken und Erziehung zu Mündigkeit und Autonomie geht, als um die Übernahme vorgefertigter Denkschablonen, mag erschüttern.

Nur ist Schule schon lange kein Ort mehr für freie Entfaltung und offene, wertschätzende Auseinandersetzung. Immer rigider geben standardisierte Prüfungen und sogenannte Vergleichsarbeiten die Inhalte und Antworten vor, die die Schüler zu verinnerlichen und wiederzugeben haben.

Lehrbuchverlage wie auch Fortbildungsinstitute für Lehrer entnehmen ihre Inhalte sämtlich der „Trusted News Initiative“, die die BBC 2018 ins Leben rief (9), und der sogenannte „Faktenchecker“ fleißig zuarbeiten.

Schon zuvor ließen Englischlehrwerke für Klasse 8 keinen Zweifel am Hergang der Ereignisse um die Türme des World Trade Centers. Geschichtsbücher für Jahrgang 9 und 10 belegen eindeutig, wie es zu den zwei Weltkriegen kommen konnte, und in den Biologiebüchern finden sich keine Hinweise darauf, dass Darwins Evolutionstheorie eben genau das ist — eine Theorie neben anderen, die wichtige Fragen offenlässt. Die Schüler lernen, dass im Alten Ägypten unterdrückte Fellachen immense Felsblöcke zu Pyramiden aufschichteten, oder dass Lichtgeschwindigkeit und Gravitationskraft unveränderliche Größen seien.

In keinem Fach werden die unseren Gesellschaften zugrunde liegenden patriarchalen und materialistischen Strukturen hinterfragt, und so verwundert es nicht, wenn sich Bemühungen um Gleichberechtigung in Gendersternchen und wokem Neusprech erschöpfen, und Spiritualität bestenfalls als putzige Esoterik oder angestaubte Religiosität betrachtet wird.

„Eine Kirche oder eine andere Gemeinschaft erzeugt dann Unfreiheit, wenn ihre Priester oder Lehrer sich zu Gewissensgebietern machen, das ist, wenn die Gläubigen sich von ihnen (…) die Beweggründe ihres Handelns holen müssen“, schreibt Rudolf Steiner in der Philosophie der Freiheit (10).

In ihrer gesellschaftlich gesetzten Unmündigkeit und systemischen Abhängigkeit vom Wohlwollen der sie bewertenden Lehrer sind Kinder und Jugendliche hier gerade so unfrei, wie Steiner darlegt. Denn Schule vereinnahmt. Sie unterwirft die Schüler einem unverhandelbaren Einheitsrhythmus und setzt ihnen eine gedankliche Einheitskost vor, hier und da hübsch aufbereitet mit „freier“ Fremdsprachenwahl — Ungarisch zum Beispiel? —, Wahlpflichtkursen — Musik ODER Bildende Kunst ODER Theater — oder einem freiwilligen Ganztagesangebot, das aber eher ein Betreuungsversprechen Eltern gegenüber ist.

Immer nachdrücklicher werden demgegenüber Kernkompetenzen und Kernfächer vorgegeben, wobei das zu erlernende Pensum in zentralen Abschlussprüfungen abgefordert wird. Schon spricht man im Rahmen der BNE-Initiativen vom Whole School Approach, auf Deutsch: Ansatz zu ganzheitlichem Schulhandeln (11), welcher mögliche Handlungsspielräume setzt — und damit eingrenzt — und womöglich auch hier im Zuge ganzheitlicher Erziehung durch die Staatsmacht mit dem Whole School, Whole Community, Whole Child (WSCC) Approach der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde „Center for Disease Control and Prevention“ (CDC) gleichzieht (12).

Ein kurzer Besuch bei der Jefferson Health School, einer Virtual Health School, verdeutlicht rasch, in welchem Rahmen sich Schüler da entwickeln sollen, und dass der gesundheitliche Status der Kinder auch ohne elterliche Zustimmung stets up to date sein wird.

Wie drastisch staatlich gewollte Narrative und Sichtweisen die Freiheit von Erziehung, Bildung und Lehre einschränken, illustriert abermals ein Blick in die USA und Kanada, wo immer mehr liberale Universitätsprofessoren deswegen ihren Hut nehmen, wie unter anderem Peter Boghossian, Professor an der Portland State University, der unmissverständlich klarmacht:

„Students at Portland State are not being taught to think. Rather, they are being trained to mimic the moral certainty of ideologues“ (13). „Studenten an der Portland State University werden nicht gelehrt zu denken. Stattdessen werden sie darin trainiert, die moralische Gewissheit von Ideologen nachzuäffen.“ Hält man sich vor Augen, dass die ersten zwei, drei Jahre an amerikanischen und kanadischen Universitäten und Colleges stark mit der deutschen Oberstufe korrelieren, mag man erahnen, wie es um unsere Jugendlichen dort steht.

„Man soll den Kindern keine fertigen Theorien vorbringen, sonst werden sie dogmatisch.“ Im Gegenteil, „(d)as Erste, was man lernen muss, um in die geistige Welt hineinzukommen, ist ein selbständiges Denken.“ So Rudolf Steiner in „Arbeit an sich selbst“ (14). Zudem braucht ein freier Geist Phantasie, um seine Ideen und Vorstellungen verwirklichen zu können (15). Über diese verfügt er bis in das achte Lebensjahr zur Genüge (16), danach sinkt der sie stützende Hormonspiegel, und Schule und Gesellschaft tun das Ihrige, um die Anpassung der jungen Menschen an Rationalität und Funktionalität zu befördern. Denn „(w)as heute gefordert wird, ist der flexible, geistig angespannte Mensch, der unablässig neue Informationen verarbeitet und seine seelischen Bedürfnisse dem Arbeitsleben unterordnet. (…) Er ist fremdbestimmt statt selbstbestimmt“ (17).

Welche Wege können Eltern gehen, die ihren Kindern ein solches Leben ersparen und die ihnen stattdessen den Raum zu freier Entfaltung, zu seelischem Wachstum und geistigem Bewusstwerden eröffnen wollen? Die ihre Kreativität, Spontaneität und Individualität fördern möchten, damit sie zu selbstbewussten, reifen, kritikfähigen und freien Menschen heranwachsen können?

Pädagogische Konzepte, die diesen Wünschen und den oben genannten Erkenntnissen Rechnung tragen, liegen schon lange vor. Davon legen viele Steiner-Schulen, Reform-Schulen, Montessori-Schulen und Freie Schulen ein beredtes Zeugnis ab. Auch wenn an diesen Schulen aus elterlicher Sicht manchmal einiges im Argen liegt, so eröffnen sie doch alternative Lernräume, die das sich entwickelnde Individuum in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellen und jenseits bildungspolitischer Kompetenzkonzepte nach den jeweils eigenen Anlagen fördern und fordern. Dabei unterliegen auch sie kultusbehördlichen Auflagen und müssen die Lernenden am Ende des jeweiligen Schulzyklus mit den dort ersonnenen zentralen Prüfungen konfrontieren, um ihnen vermittels des daran hängenden Bildungszertifikats eine Teilhabe an unserer Erwerbsgesellschaft zu ermöglichen. Wie Eltern auch diese Zwänge minimieren können, zeigen Initiativen wie „Glücksknirpse“ (18) und Vernetzungsplattformen wie menschlich-werte-schaffen.de.

Einen Schritt weiter geht die Forderung, die in Deutschland geltende Schulpflicht endlich abzuschaffen und im Gegenzug Heimunterricht zu ermöglichen. Auf dieser Grundlage könnten Eltern im Alleingang oder im Zusammenschluss mit Gleichgesinnten ihren Kindern die aus ihrer Sicht beste Erziehung und Bildung zukommen lassen, wie es Artikel 5 der UN-Kinderrechtskonvention vorsieht.

Dass ein solcher Schritt im Sinne der Kinderrechtskonvention nur konsequent ist und nicht zu Verwahrlosung oder Beliebigkeit führt, kann man in Ländern wie Österreich, Frankreich, Italien, den USA, Australien und vielen anderen sehen. Übrigens gibt es selbst in Deutschland Familien, die diesen Weg trotz der einschüchternden Rechtslage bereits gehen (19). Mut, Kreativität und Selbstbestimmtheit zahlen sich eben aus.




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Quellen und Anmerkungen:

(1): https://www.unicef.de/informieren/ueber-uns/fuer-kinderrechte/un-kinderrechtskonvention

(2): Unterzeichnung am 26.01.1990; In-Kraft-Setzung am 05.04.1992.

(3): https://www.hamburg.de/contentblob/64474/6b0c965a10d0447b1be13536b977bb98/data/bbs-gs-neues-schulgesetz.pdf

(4): https://www.globaleslernen.de/de/schulen-fuer-globales-lernen/schulauszeichungen/rheinland-pfalz-zertifizierung-als-bne-schule

(5): https://www.bne-portal.de/bne/de/einstieg/was-ist-bne/was-ist-bne.html

(6): https://www.bne-portal.de/bne/de/nationaler-aktionsplan/bildung-fuer-nachhaltige-entwicklung-bis-2030/bildung-fuer-nachhaltige-entwicklung-bis-2030_node.html (Minute 2:38 – 2:45)

(7): https://www.hamburg.de/euerding/

(8): https://www.hamburg.de/contentblob/16516712/12bf2509057f11455160904107dee56e/data/unterrichtseinheit-energie-sparen-weiterfuehrende-schule.pdf

(9): https://www.bbc.co.uk/beyondfakenews/trusted-news-initiative/about-us/

(10): Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit. Fischer 1985, S. 203.

(11): https://bildungsportal-niedersachsen.de/bne/schulentwicklung-1/whole-school-approach

(12): https://www.cdc.gov/healthyschools/vhs/index.html

(13): https://thecountersignal.com/we-are-in-trouble-liberal-professor-quits-says-academia-is-corrupted/

(14): Rudolf Steiner, Arbeit an sich selbst. Rudolf Steiner Ausgaben 2020, S. 115 und S. 34.

(15): Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freihheit. S. 193.

(16): Dieter Broers, Verschlusssache Zirbeldrüse. Dieter Broers Verlag 2022, S. 59.

(17): a.a.O., S. 114.

(18): https://www.gluecksknirpse.de/frei-lernen-ohne-schule-bedenken-und-bedenkennehmer/

(19): https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/jugend-schreibt/heimunterricht-unsere-kinder-leben-im-verborgenen-1638983.html