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Wer schützt Beethoven vor den Genforschern?

Published On: 26. März 2023 7:31

Spätestens seit den 1990er Jahren wird in der Medizin die Erforschung des Genoms als des Pudels Kern für Krankheiten und deren Behandlung präsentiert. War es jahrzehntelang eine Streitfrage, ob der Mensch stärker von der Umwelt oder seinem Erbgut in seinen Fähigkeiten und Krankheiten geprägt wird, haben Pharmaindustrie und Genforscher diese Frage für sich entschieden: das menschliche Genom enthalte neben dem Segen an Begabungen unser Elend an Krankheiten.

Entsprechend wird alles, was mit der DNA zu tun, von den Medien begierig aufgegriffen. Selbst die „Bild“-Zeitung mutet inzwischen ihren Lesern Genanalysen als Problemlöser zu. „War Beethoven gar kein Beethoven?“ fragt das Boulevardblatt in seiner Ausgabe vom 24. März 2023. Die vermeintlich spektakuläre Enthüllung der Gen-Gucker besteht darin, dass einer oder mehrere Vorfahren des Musikgenies innerhalb von sieben Generationen vor seiner Geburt einen außerehelichen Nachkommen gezeugt hätten. Das Musikgenie unterscheide sich dadurch in seinem Y-Chromosom von anderen Familienmitgliedern. Ernsthaft verkauft ein internationales Forscherteam unter Beteiligung des Leipziger Max-Planck-Instituts dies als epochale Erkenntnis.

„Ja, und?“ möchte man fragen. Da außergewöhnliche Begabungen kein Erbhof sind, sondern vornehmlich durch die individuelle Biographie erworben werden, spielt es kaum eine Rolle, aus welcher Pipeline die eigenen Gene stammen, so lange es nicht um Erbansprüche geht. Ludwig van Beethovens familienfremde Genabschnitte waren sicher kein Nachteil gegenüber seinen Verwandten. Seine Ausnahmeleistungen erklären sie aber auch nicht.

Ignoriert wird von den genetischen Haarspaltern, dass Beethovens Haarlocke weit gewichtigere Informationen birgt. Blei in stark überhöhter Konzentration, das seine Ertaubung, seine Darmkoliken, seine Ruhelosigkeit, seine Leberzirrhose und seine Einsamkeit erklärt. Eine damals wegen des kühl-regnerischen Klimas in der Wiener Weinbauregion verbreitete Weinpanscherei mit Bleizucker wurde Beethoven zum Verhängnis.

Die Genforscher und „Bild“-Redakteure ignorieren dies geflissentlich. Sie betreiben sogar noch posthume Rufschädigung, in dem sie behaupten, dass Ludwig van Beethoven sich seine Leberzirrhose als „schwerer Trinker billigen Weißweins“ mit genetischen „Risikofaktoren“ selbst zuzuschreiben hätte. Wer den unverschuldeten Schaden hat, braucht sich über seinen Tod hinaus nicht um den Spott zu sorgen! Als wäre ihm nicht schon zu Lebzeiten genügend Ungerechtigkeit widerfahren.

Der Fall Beethoven zeigt eindrücklich, wie wenig genetische Analysen über uns, unsere Krankheiten und unsere Zukunft aussagen. Beethoven war weder ein Alkoholiker, noch trank er billige Weine! Beethovens Reizbarkeit, Rastlosigkeit und Stimmungsschwankungen lassen sich alleine durch die Intoxikation mit Blei und deren Folgen erklären. Weder eine genetische Disposition für eine Leberzirrhose, noch ein Hang zum Alkohol lassen sich aus den Genen ableiten. Beethoven stammte lediglich aus einem trinkfreudigen Haus mit Weinhändlertradition.

Nicht die Sequenzabfolge der Basenpaare in unserem Erbgut ist unser Schicksal, sondern unser Leben. Durch das, was wir zu uns nehmen und erleben, wird unsere genetische Information moduliert, aktiviert und inaktiviert. Erst durch unsere Umwelt werden wir über die Mechanismen der sogenannten Epigenetik zu dem, was wir am Ende sind. Dies beweisen die körperlichen Veränderungen eineiiger Zwillinge, die frühzeitig getrennt einem ganz unterschiedlichen Leben ausgesetzt sind und sich am Ende gar nicht mehr ähnlich sehen. Schon Voltaire wusste, dass die Todesursache eines Menschen fast immer sein Leben ist.

Genom-Diagnosen sind trotz computerisierter Auswertungsprogramme keineswegs exakter als andere Diagnosen. Die Medizin gaukelt uns über addierte genetische Risiken vor, unsere Zukunft zu kennen, damit wir gemäß eines fiktiven „Risikoprofils“ Maßnahmen ergreifen. Wer aus so einem Blick in die Kristallkugel Konsequenzen ziehen sollte und sich wegen eines vermeintlichen Krebsrisikos Brust oder Eierstöcke entfernen lässt oder ein schädliches Medikament prophylaktisch einnimmt, dem wird die Gendiagnose wirklich zum Schicksal.

Nicht Beethovens Gene sind der Schlüssel zu seinem Genius und Tod, sondern sein Leben. Wer mehr wissen will als die Genforscher und „Bild“-Journalisten, für den habe ich vor kurzem Beethovens Ende nacherzählt und medizinisch analysiert: Letzte Tage – verkannte und vertuschte Todesursachen berühmter Personen. Leipzig 2022

Bild von Niek Verlaan auf Pixabay

Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der fixen Autoren von TKP wieder. Rechte und inhaltliche Verantwortung liegen beim Autor.

Dr. med. Gerd Reuther ist Arzt und Medizinhinhistoriker. Er ist Autor der Bücher „Der betrogene Patient“ und „Heilung Nebensache“.


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