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Der Konflikt der Überzeugungen

Published On: 30. November 2023 18:49

Nein, ich gebe keine Erklärung ab. Nicht zu Israel oder den Palästinensern, der Ukraine, Russland, dem Jemen oder Bergkarabach, nicht zu vermeintlich Schutzbedürftigen und auch nicht zum Klima oder zu irgendeinem politischen Popanz. Weil ich es nicht muss! Ich lasse mich nicht für geschürte Empörung, Angstmache und primitiven Tribalismus einspannen. Die Kriege dieser Welt sind nicht meine Kriege. Ich habe weder den Hungernden Essen vorenthalten noch kann ich ihnen welches beschaffen. Medien, Politiker, Familien, Freunde und Kollegen – seit über drei Jahren fordern sie alle, dass man Stellung bezieht. Dafür oder dagegen. Schwarz oder weiß. Auf der richtigen Seite stehen. Aber welche ist das, wenn jeder behauptet, sich auf derselben zu befinden? Manche Entscheidungen sind nicht schwer: Ein unzureichend erprobtes Medikament, aktionistisch verhängte Maßnahmen, ein Panikpapier, das Angstmache empfiehlt. Dazu fehlende Datenerfassung und eine uneinheitliche Studienlage konnten die Wahl der „richtigen Seite“ erleichtern. Die Adressaten für Proteste befanden sich praktisch direkt vor der Haustür. Ja, das war in der Tat mein Konflikt! Jeden Tag habe ich ihn ausgefochten, mit Tätern und Opfern. Im Ukraine-Konflikt war die Lage bereits unübersichtlicher. Informationen nur aus zweiter und dritter Hand, der eigentliche Konflikt weit weg. Aber auch hier gab es Entscheidungshilfen: Das Vorrücken der NATO Richtung Osten, die sofortige Parteinahme der Medien, der sofort einsetzende Hass auf alles Russische und Waffenlieferungen aus Deutschland. Die Adressaten der Proteste waren im eigenen Land zu finden. Dennoch war es nur mittelbar mein Konflikt. Und jetzt Nahost. Wieder dröhnen die Besserwisser aller Lager, man solle entweder Israel verteidigen oder die Zivilbevölkerung im Gazastreifen. Den Terroranschlag – oder war es ein Pogrom? – solle man kompromisslos verabscheuen oder den Genozid Israels verurteilen. Alles bitte gleichzeitig und natürlich aufs Schärfste. Die PLO wurde einst vom Ostblock als Befreiungsbewegung der Palästinenser gegen den Aggressor Israel unterstützt und Israel als ein Außenposten der USA im Nahen Osten betrachtet. Anscheinend haben wir es auch hier mit einem Stellvertreterkrieg verschiedener Akteure zu tun. Der Nahostkonflikt schwelt, seit ich denken kann. Friedensbemühungen wurden immer wieder sabotiert. Und jetzt fragt man mich ernsthaft, wo ich mich positioniere, und verlangt ein Bekenntnis? Nein. Auf diese Frage habe ich keine Antwort. Denn wenn ich mich für die eine Seite positioniere, wird die andere ihre toten Kinder zeigen. Und wenn ich mich für diese Seite positioniere, werden mir jene ihre Toten vorrechnen. Für keines dieser Opfer bin ich verantwortlich. Und niemandem wird meine Haltung, mein Bekenntnis auch nur im Geringsten helfen. Ich weigere mich, geopolitische Interessen, die Großmächte mit Hilfe ihrer Vasallen zu Kriegen eskalieren, in mein Umfeld zu ziehen und diese Kriege mit meinen Mitmenschen oder auf unseren Straßen auszutragen. Keine Frage: Ich verurteile Krieg und Terror. Ich solidarisiere mich – symbolisch – mit Unschuldigen, Kindern und Zivilisten, aber nicht mit Kriegstreibern. Auch nicht mit denen, die mich zu billigen Solidarisierungen zwingen wollen und glauben, damit Kriege beeinflussen oder mir zumindest ein schlechtes Gewissen machen zu können, weil ich mich vielleicht für den einen Konflikt mehr interessiert habe als für den anderen. Als ob meine oder unsere Solidarität, die am Küchentisch erklärt wird, an entscheidender Stelle wirklich zählen würde. Als ob es jemandem nützen würde, wenn wir uns privat bekennen oder uns entzweien. Zwei Parteien, jede mit ihren berechtigten Anliegen, und ich soll mich zum Richter aufschwingen? Nein. Meinungsfreiheit bedeutet auch, frei von Meinung bleiben zu können. Ich möchte nicht von ständig Empörten agitiert und mit Videos und Artikeln bombardiert werden. Ich brauche keine markigen Aussagen von Experten, um meine Meinung zu bilden, denn ich verweigere meine Meinung. Der Nahostkonflikt sollte weder auf deutschen Straßen noch in unserem sozialen Umfeld stattfinden, denn er kann hier nicht gelöst werden. Und ja, Juden müssen in Deutschland sicher leben können. Antisemitismus, egal von welcher Seite, darf nicht wieder salonfähig werden. Konflikte beginnen im Kleinen und eskalieren zu Hass, weil sich Lager bilden aus „Solidarischen“, die ständig neue Mitglieder rekrutieren und sich immer weiter radikalisieren. Dann wird es irgendwann unmöglich, im Andersdenkenden nicht den Feind und schließlich den Todfeind zu sehen. Jeder Einzelne sollte diesen Mechanismus bei sich selbst erkennen und sich nicht in fremde Kriege verwickeln lassen oder andere Unbeteiligte involvieren. „Frieden beginnt mit dir“, dieser einfache Satz des Dalai Lama ist keine leere esoterische Phrase, sondern das Gebot der Stunde. Wenn Sie unabhängige Artikel wie diesen unterstützen möchten, können Sie uns zum Beispiel mit einem Dauerauftrag von 2 Euro oder einer Einzelspende unterstützen. Oder senden Sie einfach eine SMS mit dem Stichwort Manova5 oder Manova10 an die 81190 und mit Ihrer nächsten Handyrechnung werden Ihnen 5 bzw. 10 Euro in Rechnung gestellt, die abzüglich einer Gebühr von 17 Cent unmittelbar unserer Arbeit zugutekommen. Anke Behrend wurde vor dem Mauerfall in Berlin geboren, lebt seit über 10 Jahren im Süden Deutschlands und arbeitet in der Medienbranche. Sie schreibt und hat für den „Eulenspiegel“, den „Demokratischen Widerstand“ und Online-Portale geschrieben. 2007 veröffentlichte sie einen Roman

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Bürgerkrieg der Haltungen

Nein. Ich bekenne mich nicht. Nicht zu Israel oder den Palästinensern, der Ukraine, Russland, dem Jemen oder Bergkarabach, nicht zu vermeintlich Vulnerablen und auch nicht zum Klima oder zu sonst einem politischen Popanz. Weil ich es nicht muss! Ich lasse mich nicht einspannen für geschürte Empörung, Angstmache und primitiven Tribalismus. Die Kriege dieser Welt sind nicht meine Kriege. Den Hungernden habe ich weder Essen vorenthalten, noch kann ich ihnen welches beschaffen. Medien, Politiker, Familien, Freunde und Kollegen — seit über drei Jahren verlangen sie alle, man möge sich positionieren. Dafür oder dagegen. Schwarz oder weiß. Auf der richtigen Seite sein. Doch welche ist das, wenn jeder behauptet, sich auf selbiger zu befinden? Manche Entscheidung ist nicht schwer: Ein unzureichend erprobtes

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