Kategorien: Das kritische Tagebuch, Medien, Nachdenkseiten, Politik, Umwelt4722 Wörter18 min lesen

Leserbriefe zu „Die Russen haben die propagandistische Leistungsfähigkeit des Westens unterschätzt“

In diesem Beitrag wird die These vertreten, dass die Russen die Leistungsfähigkeit der Propaganda des Westen unterschätzt hätten. Albrecht Müller nennt dazu einige Beispiele. Sie reichen u.a. von der unterstellten Absicht Russlands, die Ukraine anzugreifen über die lautstarke Forderung des ukrainischen Botschafters, Waffen an sein Land zu liefern und den propagandistischen Eindruck, die Gasleitung Nordstream 2 sei lediglich im russischen Interesse bis zur Klage über die sogenannte Annexion der Krim durch Russland und der „Grundeinstellung, wir seien die Guten und die dort im Osten seien die Bösen“. Das abschließende pessimistische Fazit lautet: „Westliche Propaganda schafft alles. Auch den nächsten Krieg“. Danke für die Zuschriften, in denen weitere interessante Eindrücke und Erkenntnisse enthalten sind. Hier die Leserbriefe. Zusammengestellt von Christian Reimann.

1. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Müller,

besten Dank für Ihre Einschätzung. Ich denke, wir gehen schweren Zeiten entgegen.

Jelzin konnte (oder wollte) der NATO-Osterweiterung nichts entgegensetzen, aber man hätte damals schon Gegenmaßnahmen treffen müssen. Spätestens aber der Umsturz in der Ukraine hätte eine Zäsur einleiten müssen, denn klar war ja, dass es hierbei letztlich nicht um die Ukraine, sondern um Russland ging. Putin war konziliant und hat die Wahl Poroshenkos anerkannt. Das war ein Fehler, der Westen hätte umgekehrt so etwas nie anerkannt, er hätte unter keinen Umständen irgendein Entgegenkommen gezeigt. Man hat immer ausgetestet, wie weit man mit Russland gehen kann. Fakten schaffen war das Ziel und auch jetzt in der aktuellen Krise werden Krokodilstränen vergossen und gleichzeitig wird weiter eskaliert und es werden Fakten geschaffen. Schon das Entgegenkommen von Gorbatschow wird heute als Sieg interpretiert und man steht im Westen auf dem Standpunkt, dass die Sowjetunion nur nicht anders konnte – es also eigentlich kein ehrliches Entgegenkommen war, sondern eine erzwungene Aufgabe. Man glaubt, man könne heute wieder Russland so weit in die Ecke treiben, bis es aufgibt. Sollte das geschehen, so wird man dieses Mal dafür Sorge tragen, dass sich Russland nie wieder erholt – da bin ich sicher.

Russland hat zu spät reagiert und nicht erkannt, dass all die geheuchelte “Dialogbereitschaft” (auch heute wieder von der USA und der NATO behauptet) nur eine Hinhaltetaktik und Propaganda ist, um letztlich jede russische Reaktion später wieder als Aggression zu brandmarken.

Für die USA ist das alles natürlich eine Win-Win-Situation. Sie werden sich wohl nicht auf einen direkten Konflikt einlassen, aber bei der NATO-Mitgliedschaft der Ukraine auf gar keinen Fall nachgeben. Was Russland auch immer tut, die USA erreichen ihr Ziel. Entweder marschiert Russland ein, dann wird es ein neues Sanktionsgewitter geben und man wird versuchen, Russland wirtschaftlich in die Knie zu zwingen, oder wird keinen russischen Einmarsch in die Ukraine geben, dann ist der Weg in die NATO offen, es sei denn, Russland kann den Donbass-Konflikt weiter aufrechterhalten. Im letzteren Fall wird auch das die USA nicht von einer intensivierten militärischen Zusammenarbeit mit der Ukraine abhalten.

Insgesamt ist das aktuell eine immer gefährlichere Entwicklung, die immer unkalkulierbarer wird.

Die Europäer verstehen entweder nicht, dass sie hier in einem Stellvertreterkonflikt den Kopf hinhalten, oder sie sind schon in ihrem Vasallentum verfangen, dass sie wirklich glauben, diese Eskalation wäre in ihrem Interesse. Wenn sie je aufwachen, wird es zu spät sein.

Beste Grüße

Patrick Sieber

2. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Müller,

die propagandistische Leistungsfähigkeit des Westens und deren mögliche Grenzüberschreitung wird heute in einem Satz anschaulich gemacht, der immerhin in einem Leitkommentar mit dem Titel “Der unsichere Kantonist” des Mitherausgebers der Frankfurter Allgemeinen Berthold Kohler steht und da lautet: “In Deutschland will man für die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine nicht einmal frieren.” Da der Satz im Kommentar am 26. Januar erscheint, geschieht dies also einen Tag vor dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee.

Die FAZ hat daraufhin von mir dazu den nachfolgenden Leserbrief erhalten und damit auch die Einschätzung der Lage um die Ukraine und dem Mediengetöse in seinen Verstiegenheiten auch was den Admiral Schönbach betrifft und ich stelle das auch den Nachdenkseiten zur Verfügung:

Ihr Kommentator ist sich seiner Sache ganz sicher, also wohl ein sicherer Kantonist, versteigt er sich doch zu dem Satz “In Deutschland will man für die Freiheit und das Selbstbestimmungsrecht der Ukraine nicht einmal frieren.” Im Kommentar wird diese in dieser Sicht mangelnde Bereitschaft mit tiefsitzenden Schuldgefühlen verknüpft, die aus dem Zweiten Weltkrieg und deutscher Vergangenheit resultierten. Sind das tatsächlich “nur” Gefühle, um die es da geht, also Gemütsregungen, die einer rationalen politischen Betrachtung nicht standhalten und deren man sich also bemächtigen muss? Wie ist das denn zum Beispiel, wenn die ZDF-Dokumentation “Die Wannseekonferenz” in unser Geschichts-Bewusstsein eintritt, also auch einschliesslich der Kartenwerke mit ihren damals und aktuell virulenten Gebieten? Wie ist das denn, wenn der gleichnamige  historische Spielfilm uns die Täter “nahebringt” und ihre als Tugend ausgegebene Gefühlskälte bei der technischen Umsetzung des Mordes an geplant 11 Millionen Menschen, dem Management, dem millionenfache Taten in gerade jenen Gebieten Baltikum, Polen, Ukraine, Weißrußland folgten? Resultieren da “nur” Gefühle oder kann es gar ein politisches Bewusstsein mit konkreten Schlussfolgerungen sein, das aus deutscher Sicht für dauerhafte Entspannung und Ausgleich gegenseitiger Interessen mit Rußland folgt, auch wenn der “Kreml-Chef” nicht Jelzin, sondern Putin heißt?

Der im Kommentar offensichtlich werdende hochgradige Ärger über den bis Samstag in seinem Amt befindlichen Chef der deutschen Marine resultiert aus der Interpretation seines Auftrittes in Indien. Dieser spiegelt nach meiner Ansicht aber nichts anderes wider als die tatsächliche geostrategische Auffassung der NATO/des Westens: Wahrscheinlich beseelt von der indopazifischen Strategie von USA und NATO und dem Ausflug der deutschen Fregatte in pazifische Gewässer, und zuletzt des Gesprächspartners Indien, das mit Rußland militärisch zusammenarbeitet und gewissermaßen antichinesisch wirkt, geriet der Admiral ins Plaudern. USA/NATO/Westen hegen die Hoffnung, so viel und so lange Druck auf Rußland ausüben zu können, bis es gewissermaßen und mindestens neutralisiert wäre im Kampf gegen den Rivalen China, um dem es den USA und letztlich nur diesen eigentlich geht.

Dem in der Erkenntnis tatsächlicher nationaler Interessen fatal und chronisch dummen Deutschland schwant vielleicht manchmal angesichts der Lage im Osten und der dort vorpreschenden Rußland-Gegner (in Deutschland besonders durch die Grünen vertreten), dass eigene langfristige Interessen mal wieder Schaden nehmen könnten, wenn die Ziele der USA die Welt regieren. Der Admiral hat durch sein Plaudern nur ein wenig den Vorhang gelüftet und somit an das Licht gebracht, dass angesichts gegenwärtiger westlicher Strategien stets die Gefahr lauert, ganz gewaltig nicht nur vom Seeweg abzukommen. Ihr Kommentar zum deutschen Kurs kann keineswegs der Leuchtturm sein.

Bernd Jacoby

3. Leserbrief

Lieber Albrecht Müller,

ich erlaube mir ein paar Anmerkungen zum Beitrag »Bis hierher und nicht weiter«.

  1. Bei den Klassikern kann nachgelesen werden, die herrschenden Gedanken, sind die Gedanken der Herrschenden.

    So sieht es auch gegenwärtig in der Bundesrepublik Deutschland und den meisten NATO-Staaten aus.
  2. Anfang der Neunzigerjahre des vorigen Jahrhunderts war vor allen Dingen die US-amerikanische Administration dabei, Russland in 23 Staaten aufzuteilen. Die CIA saß bereits im Kreml. Der ständig Betrunkene Jelzin wurde als Heilsbringer gefeiert. Washington war zu übermütig. Die sicher geglaubte Beute ging wieder verloren.
  3. Die kaum vorhandene Aufarbeitung der braunen Geschichte Deutschlands, lässt die Ewiggestrigen davon träumen, vielleicht klappt es beim nächsten Mal und wir können die Siegesparade auf dem Roten Platz abnehmen.
  4. Russland ist ein im Grunde genommen freundlicher Koloss, es wird an das Gute geglaubt, aber Gnade uns Gott er fühlt sich betrogen.
  5. Russland muss lernen, wenn es sich mit dem Teufel zum Essen an einen Tisch setzt, braucht es einen langen Löffel.

Gruß

Henning Hagen

4. Leserbrief

Lieber Albrecht Müller,

danke für Deinen erhellenden Beitrag. Ich habe zweimal Russland besucht, einmal 1989, da war ich in Moskau und Wolgograd und dann 2016, da war ich auf der Friedensfahrt Kaliningrad – Pskow – St. Petersburg – Moskau – Smolensk.

Beides Mal habe ich ganz normale Russen kennenlernen dürfen. Sie haben mir gezeigt, wie anders doch Russen denken. Sie denken nicht in Kategorien der „Wir sind die Guten, Ihr seid die Bösen.“ Und selbst ihr eigenes Schicksal mit den Deutschen im 2. Weltkrieg hat ihnen keinen Hass gegenüber Deutschen an sich hervorgerufen. Alle Achtung! Im Gegenteil, das Wort von Stalin: „Die Hitler kommen und gehen, das deutsche Volk bleibt“ ist sehr präsent im Umgang mit uns Deutschen. Du man bemerke, es war Stalin, der hier bei uns der Gott-Sei-Bei-Uns, der absolute Teufel ist, der das sagte und damit die Politik Russlands gegenüber Deutschland prägte. Was auch im Denken der Menschen bis heute verankert ist: Gute Nachbarschaft.

Wir im Westen – präziser, die treibenden Kräfte im Westen – torpedieren dies. Es gibt in Russland auch die Schirinowksis. Sie haben bislang noch keine Macht. Doch ich will mir nicht ausmalen, wenn solch ein Schirinowski an die Macht kommt. Dann werden sich so einige Hardliner hier Putin zurücksehnen. Aber die Stoltenbergs und Co. sind bereit, dies zu riskieren. Anders ist ihre ständige Propaganda nicht zu erklären. Ich hoffe, dass hier im Westen die Bevölkerung nicht – wie in anderen propagandistischen Themenfeldern – mehrheitlich die Richtung dieser Kräfte einnimmt. Dann sehe ich schwarz für die Zukunft Europas. Ich hoffe ernsthaft, dass das unterbleibt.

Mit solidarischen Grüßen

Gunther Troost

5. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Müller,

in Ihrem Artikel “Die Russen haben die propagandistische Leistungsfähigkeit des Westens unterschätzt“ machen Sie es sich leider sehr leicht. Um es vorweg zu nehmen, ich halte nichts von ständigen Drohgebärden (und zwar auf beiden Seiten), sondern finde, dass die Ukraine Krise auf diplomatischen Wege gelöst werden sollte. Einige Dinge in Ihrem Artikel finde ich allerdings etwas einseitig betrachtet:

  • Warum zieht Russland so viel Militär an der Grenze zur Ukraine auf? Sie schreiben ja „(angeblich)“. Woher nehmen Sie das, haben Sie Beweise, dass diese Informationen über die Konzentration von Truppen gefälscht sind? Sie suggerieren dem Leser damit, dass die Informationen falsch sind, ohne einen stichhaltigen Beweis. Das ist leider kein guter Stil.
  • Die USA haben 5 Mrd. Dollar in die Ukraine gesteckt, allerdings seit 1992! Das sollten Sie richtigerweise dazuschreiben, denn dann wird klar, dass das über den Zeitraum kein ungewöhnlicher Vorgang ist. Fragen Sie doch mal, wieviel Geld Putin in die Ukraine gesteckt hat und in welchem Zeitraum, da werden Sie sich wundern (können Sie im Internet nachlesen)!
  • Die Rüstungsausgaben sind im Übrigen auch kein Indiz dafür, wer (wie Sie schreiben) die Guten und wer die Bösen sind. Russland ist bspw. bei der Zahl der Panzer massiv überlegen, zudem konzentriert Putin die Truppen an der Grenze zur Ukraine. Da nützen Panzer in den USA erst einmal nicht viel. Zudem finde ich diese schwarz-weiß Einteilung nicht zeitgemäß, es gibt auf jeder Seite positive wie auch negative Aspekte.
  • Stellen Sie sich mal folgende Situation vor: Die Ukraine möchte sich einem Militärbündnis mit Russland anschließen und stellt Truppen an der Grenze im Westen auf. Die EU und die USA wollen der Ukraine verbieten, diesem Militärbündnis beizutreten. Was würden die NDS darüber schimpfen. Die Sichtweise der Ukraine blenden Sie völlig aus! Das ist ein souveräner Staat, der erst einmal machen kann, was er will. Und er kann sich auch dem Westen zuwenden. Die NDS betrachten das leider gar nicht. Das muss aber in die Überlegungen mit einfließen, denn dann zeigt sich um so mehr, wie komplex die Situation ist.
  • Nordstream 2 ist nicht im Interesse Deutschlands. Woher soll von heute auf morgen der doppelte Bedarf an Gas kommen? Wo zudem die erneuerbaren Energien massiv ausgebaut werden. Nordstream 2 ist vor allem ein geopolitisches Projekt. Das konnte man bereits in Juni 2021 sehen, wo Putin unverhohlen der Ukraine gedroht hat (können Sie im Internet nachlesen), sobald Nordstream 2 am Netz ist. Momentan ist der Gaspreis sehr hoch und zu welchen massiven Verwerfungen das führt hat Ihr Kollege Herr Berger ja geschrieben. Ich frage mich allerdings, warum Deutschland das Gas nach Polen exportiert und das Geschäft macht und warum Gazprom nicht selbst das Geld mit Polen verdienen will. Wirtschaftlich macht das für Gazprom jedenfalls keinen Sinn. Da stecken sicherlich andere Überlegungen dahinter.

Herzliche Grüße

S.P.

Anmerkung Albrecht Müller:

Leider ist der Leserbrief Nummer 5 nur mit Initialen versehen. Ich möchte die Gelegenheit nutzen, die NachDenkSeiten-Leserinnen und -Leser zu bitten, Leserbriefe möglichst mit vollem Namen zu unterzeichnen. Wir Redakteure tun das ja auch.

Das Urteil über die Fragen und Hinweise, die in dem Leserbrief enthalten sind, würde ich gerne Ihnen überlassen. Ich persönlich kann damit wenig anfangen – beispielsweise mit dem letzten Absatz über Nordstream 2. Dass das ein „geopolitisches Projekt“ sei, ist einfach nur der westlichen Propagamda nachgesprochen. Was soll Russland damit geopolitisch anfangen, wenn Gas durch die Röhre fließt und wir auch andere Optionen haben? Dass Russland am Gashahn drehen würde, widerspricht außerdem allen bisherigen Erfahrungen mit dem Gaslieferanten Russland. Dieser Eindruck wird auch nicht dadurch aufgehoben, dass der Leserbriefschreiber/die Leserbriefschreiberin behauptet, Russland habe der Ukraine mit dem Stopp der Gaslieferungen gedroht. Statt eines Belegs für diese Behauptung steht im Leserbrief: „(können Sie im Internet nachlesen)“

Obwohl ich solche pauschalen Verweise aufs Internet nicht für zielführend halte, habe ich im Internet nachgeschaut und zum Beispiel in Die Zeit vom 24.1.2022 gefunden:

«Russland hat in den schwierigsten Momenten der Konfrontation zwischen Ost und West seine Vertragsverpflichtungen tadellos erfüllt», sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow in Moskau der Agentur Interfax zufolge. «Russland hat noch nie einen Grund gegeben, an seiner Zuverlässigkeit zu zweifeln.» Moskau betont immer wieder, dass auch im Kalten Krieg in der Konfrontation zwischen Sowjetunion und Bundesrepublik das Gas immer geflossen sei.

Wenn der Leserbriefschreiber andere Aussagen im Internet gefunden hat, dann sollte sie einfach nennen. Die Anmerkungen „(können Sie im Internet nachlesen)“ reicht jedenfalls nicht.

6. Leserbrief

Lieber Herr Müller,

zum Thema Kriegspropaganda, Anne Morelli, eine Belgierin schrieb 2001 dieses Buch.

Und diese Schablone passt perfekt auf das was gerade passiert.

Schönen Gruß!

Alexander Langenhagen

Principes élémentaires de propagande de guerre

  • 1.1 Wir wollen keinen Krieg!
  • 1.2 Der Gegner ist allein für den Krieg verantwortlich!
  • 1.3 Der Führer des feindlichen Lagers wird dämonisiert
  • 1.4 Wir verteidigen ein edles Ziel und keine besonderen Interessen!
  • 1.5 Der Feind begeht wissentlich Grausamkeiten, wenn wir Fehler machen, geschieht dies unbeabsichtigt
  • 1.6 Der Feind benutzt unerlaubte Waffen
  • 1.7 Wir erleiden geringe Verluste, die Verluste des Feindes sind erheblich
  • 1.8 Anerkannte Kulturträger und Wissenschaftler unterstützen unser Anliegen
  • 1.9 Unser Anliegen hat etwas Heiliges
  • 1.10 Wer unsere Propaganda in Zweifel zieht, arbeitet für den Feind und ist damit ein Verräter

7. Leserbrief

Sehr geehrter Herr Müller,

 

ich denke nicht, daß man in Rußland die Macht der westlichen Propaganda unterschätzt hat, schließlich war man das gesamte 20. Jahrhundert über ihrem destabilisierenden Einfluß ausgesetzt und mußte am eigenen Leib erfahren, wie das Land von ihr innerhalb weniger Jahre wiederholt vom Feind zum Freund und dann wieder zum Feind hochstilisiert wurde. Zudem wird man hoffentlich auch in Moskau wissen, daß schon Adolf Hitler von der westlichen Propagandamaschinerie so beeindruckt war, daß er sie unbedingt kopieren wollte. Dieselbe hat es immerhin vollbracht eine völlig verzerrte Sichtweise auf beide Weltkriege weltweit als alleingültige Geschichtsschreibung durchzusetzen. Und wenn Herr Gorbatschow tatsächlich glaubt, dem Westen fehle das Verständnis für die Schwierigkeiten, die das Regieren eines so großen Landes bereitet, dann tut er mir aufrichtig leid, denn es zeigt nur, wie naiv er in geopolitischen Fragen eigentlich ist. Der Westen hat durchaus Verständnis für diese Probleme – wie sollte er auch nicht, schließlich erstreckt sich das amerikanische Imperium über den gesamten Erdball – sie sind ihm nur scheißegal, solange er sie nicht für seine eigenen Zwecke nutzen kann oder will.

 

Die gegenwärtigen Entwicklungen in der Ukrainekrise erinnern mich in gewißer Hinsicht an die US-Diplomatie vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor, die das Kaiserreich gezielt in eine Lage manövrierte, in der ihm nur noch die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten blieb, die den Vereinigten Staaten beide gleichermaßen lieb waren. Ich möchte dazu einige Zitate aus folgenden Büchern anbringen:

 

Shigenori Togo: Japan im Zweiten Weltkrieg – Erinnerungen des japanischen Außenministers 1941/2 und 1945; Bonn: Athenäum-Verlag, 1958.

 

Frederick W. Marks III: Wind Over Sand – The Diplomacy of Franklin Roosevelt; Athens, GA: University of Georgia Press, 1988.

 

Weiters sei auf diesen Vortrag zum Ukraine-Konflikt verwiesen:

 

Why is Ukraine the West’s Fault? Featuring John Mearsheimer

„Der Überblick über die Entwicklung der japanisch-amerikanischen Verhandlungen (…) hinterließ in mir das sehr bestimmte Empfinden, daß die Haltung der Vereinigten Staaten (…) im Laufe der Verhandlungen seit ihrem Beginn mit dem ursprünglichen Verständigungsentwurf im April [1941] einen deutlich erkennbaren Wandel erfahren hatte. Die Vereinigten Staaten hatten kein Zeichen von Kompromißbereitschaft mehr gegeben; sie hatten nach der zweiten Junihälfte nur noch ihre damalige Stellungnahme wiederholt. Besonders nach der Sperrung der japanischen Guthaben Ende Juli waren sie äußerst unnachgiebig geworden und schienen nur noch zu versuchen, die Erörterungen in die Länge zu ziehen, statt ein Abkommen zu erreichen. Ich bekam den Eindruck, daß die amerikanische Haltung nichts anderes anzeigen sollte als die Entschlossenheit, einen diplomatischen Fehlschlag und folglich den Krieg zu riskieren.“

Togo (S. 57)

„Unser aller Meinung ging dahin, daß die Vereinigten Staaten unter Mißachtung des früheren Verhandlungsverlaufs und des dabei bisher erreichten Einverständnisses, unberührt von den Opfern Japans in langen Jahren, weit über ihre äußersten je eingenommenen Punkte hinaus solche Forderungen vorgebracht hatten, weil sie eine friedliche Regelung nicht wünschten, sondern darauf aus waren, Japan zur vollständigen Kapitulation zu zwingen, weil es ihre Absicht war, Japan zur Aufgabe seines Platzes als fernöstliche Großmacht zu zwingen. Vor einer solchen Forderung zu kapitulieren, war für Japan gleichbedeutend mit Selbstmord; auf der anderen Seite bedrohten wirtschaftliche Blockade und militärische Einkreisung, die unter Leitung der Vereinigten Staaten täglich enger wurde, Japans Existenz. Japan wurde zu dem Schluß getrieben, keine andere Wahl zu haben, als an diesem Punkt Stellung zu beziehen.“

Togo (S. 155)

„Es ist die pure Ironie daß Japan die Nation sein sollte, deren guten Willen man in Zweifel zog, obwohl weder Hull, noch der Berater des Präsidenten Stanley Hornbeck, noch Roosevelt selbst, in der Drought-Walsh-Initiative jemals mehr sahen, als eine List. Von Anfang an rieten Hornbeck und Hull gegen ernsthafte Verhandlungen, und als Roosevelt Churchill im August sagte, er glaube er könne die Japaner noch weitere dreißig Tage ‚am Gängelband führen‘, dann meinte er genau das. Das ist, was er seit Herbst 1939 getan hatte; in der Tat, seine Strategie war bisweilen so offensichtlich, daß es schon fast komisch war.“

Marks (S. 101).

In seinen Memoiren prangert Togo die äußerst großzügige Auslegung des Selbstverteidigungsrechts durch die Vereinigten Staaten an, die sich auch auf „Widerstand, wann und wo immer, innerhalb oder außerhalb ihres Gebietes, ihre Interessen bedroht würden“ erstreckte, aber anderen Staaten nicht dasselbe Recht zugestehen wollte. Er verschafft seiner Empörung über das amerikanische Verhalten schließlich Luft, wenn er schreibt:

„Da es sich aus den im vorherigen Kapitel angeführten Angaben amerikanischen Ursprungs klar ergibt, daß die Vereinigten Staaten Japan veranlassen wollten, den ersten Schuß abzugeben, kann ihr Verhalten nur als Provokation Japans charakterisiert werden. Vom Standpunkt der Moral ist es Heuchelei, Bösartigkeit und Feigheit, die Haltung einzunehmen, man sei frei, ungestraft den Gegner zu provozieren, so weit man wünscht, solange man nur nicht als erster losschlägt.“

Togo (S. 182)

Mit freundlichen Grüßen,

RF

8. Leserbrief

Zwei Anmerkungen

In seinen „Beispielen für die zur Konfliktverschärfung angewandten Methoden“ weist Albrecht Müller (am 26.01.22) auf das Geschichte(n) verkürzte Erzählen hin. Dazu könnte man ergänzend zählen: Das Unterschlagen der Strategiekonzepte, nach denen geschichtliche Ereignisse (wie die genannten) zielstrebig herbeigeführt wurden und werden.

Wer Z.Brzezinkis „Die einzige Weltmacht. Amerikas Strategie der Vorherrschaft““ nicht kennt, kann die – bei wechselnden Regierungen – stabile Grundlinie der US-Außenpolitik schwerlich verstehen! Überzeugen Sie sich am Buch selbst (ggf. nochmals). Bei Zeitnot mag es genügen, den in der deutschen Ausgabe von 1999 genannten 24 Seitenhinweisen zu „Ukraine“ nachzugehen.

Zusammengefaßt: Um die Weltmachtstellung zu erhalten, muß der eurasische Kontinent beherrscht werden. Dazu ist ein Zusammengehen von Rußland und Westeuropa unbedingt zu verhindern. Dies verlangt Verfügung über die Drehangel Ukraine.

Ergänzend – zum Verständnis der NATO – empfiehlt sich, Robert Kagan heranzuziehen, sein „Macht und Ohnmacht. Amerika und Europa in der neuen Weltordnung“ von 2003. Auch hier werden die westeuropäischen Staaten als „Vasallen“ charakterisiert und die NATO als Instrument, diese Vasallen zur Durchsetzung der Weltmacht-Interessen zu nutzen.

(Zur Aussagefähigkeit der genannten beiden Präsidentenberater und Politikwissenschaftler vgl. Google o.ä.)

Wenn laut US-Militärkonzept von 2018 künftig die Hauptkräfte gegen China gerichtet sein sollen, scheint es naheliegend, die NATO zur Sicherung der US-Interessen in Europa gegen Rußland einzusetzen.

Bei einer früheren existentiellen Krise sollen US-Reiseveranstalter geworben haben: Besuchen Sie Europa, solange es noch existiert.

Wer die tieferen Wurzeln eigener aktueller Probleme erkennt, läßt sich nicht so leicht in die Irre führen. Gelöst sind diese Probleme dadurch freilich nicht. Es bleibt, die realen Verhaltensmöglichkeiten und eigenen Interessen zu analysieren, die eigene Verhaltensrichtung zu entscheiden und das notwendige Tun zu organisieren – in der Politik wie wohl auch sonst im Leben. —

Was die von A. Müller erwähnte manipulierende Wirkung beschwörender Wiederholungen betrifft, fällt aktuell auf, wie die Machteliten beharrlich betonen, die Souveränität jedes Staates verlange, dass er seine Bündniszugehörigkeit selbst bestimmen dürfen. Allerdings geht es hier darum, wem die NATO ggf. Beitritt anbietet oder gewährt. Darüber entscheidet das Militärbündnis NATO – in Übereinstimmung mit seinen Zielstellungen. Hier ist die NATO das entscheidende Handlungssubjekt und verantwortlich für die Folgen.

Die Mehrzahl der befaßten Journalisten scheint der eigenen Suggestion des Subjekttauschs zu unterliegen. Oder wirkt auch bewußt an trickreicher Irreführung der Bürger mit. (Siehe ähnlich oben.) Die Umwandlung der stets US-befehligten NATO in ein Friedensbündnis würde den Verzicht der USA auf die Position weltweit agierenden Militärmacht voraussetzen. Das aktuelle Rüstungsbudget spricht gegen jede freundliche Illusion.

W. Weiler

Anmerkung Albrecht Müller: Der Leserbrief Nummer 8 enthält wichtige Hinweise, unter anderem auf die einflussreichen „Strategen“ Z. Brzezinki und Robert Kagan. Ihre Gedanken erklären in der Tat viel von dem, was wir zurzeit an US-amerikanischer Politik erleben.

9. Leserbrief

In der Propaganda mag Russland den Westen unterschätzt haben – in der Kriegsführung der Westen Russland…

Doch unabhängig davon:

Was tun die derzeit Verantwortlichen in Deutschland und Europa uns an.

Sie zündeln am Krieg, den die derzeitigen Drahtzieher in Washington vorantreiben, weil sie Angst, dass deren eigenes derzeitiges Imperium auseinanderbricht…  In einem Krieg vermuten sie den Ausweg aus der eigenen Misere… Sind die deutsche und europäische Politik tatsächlich so unfähig, dies zu durchschauen?

Und: Gibt es in der derzeitigen Exekutive niemanden mehr, der das Staats- und Völkerrecht sowie das Grundgesetz zu beachten in der Lage ist?

 

Rupert Krömer

10. Leserbrief

Liebe Nachdenkseiten, lieber Albrecht Müller,

eure Beiträge zur Ukraine-Krise, zu Russland und zur medialen Berichterstattung passen einfach nicht mehr in die moderne Zeit. Wollt ihr denn ewig im Frieden leben?

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges sind nun fast 80 Jahre vergangen. Den Deutschen fehlte die wirkliche Herausforderung. Urlaubsreisen und Fußballweltmeisterschaften sind nur ein armseliger Ersatz für richtige Abenteuer. Einigen fehlte wohl auch der Schlachtenlärm, der Pulverdampf. Aber diese Zeit ist vorbei. Wir müssen jetzt unsere Zivilisation, unsere Werte verteidigen gegen das Böse. Denn das Böse ist wieder da: Putin, Autokrat, ex KGB-Offizier und arroganter Macho bedroht alles was uns heilig ist. Putin bedroht LGBT- und Frauenrechte. Putin ist ein übler Rassist (warum gibt es in der russischen Regierung nicht eine einzige people of color?). Putin ist schlimmer als jeder Faschist und jeder Bolschewist, denn er ist gleichzeitig beides. Putins Gas und Öl bedrohen das Weltklima. Putin hackt unser Internet kaputt. Putin macht sich mit dem Chinesen gemein, der noch schlimmer ist als Putin selbst. Putin will die unschuldige Ukraine versklaven und den tapferen Alexej Nawalny im Kerker verrotten lassen. Putin ist schuld, dass der finstere Donald Trump 4 Jahre die USA, das Land der Freiheit, in Finsternis stürzte. Putin führt in Syrien Krieg, damit Millionen von Flüchtlingen das friedliche Europa stürmen. Jetzt hat Putin hunderttausend brutale Kämpfer, Schläger, Terroristen zusammengezogen, um die tapfere stolze Stadt Kiew anzugreifen. Kiew, die Wiege der Demokratie darf nicht in die Hände des finsteren Autokraten fallen. Denn wenn Putin erst Kiew hat, wird er Polen überfallen, Litauen, Estland und Lettland und dann gehts weiter mindestens bis zur alten deutschen Zonengrenze. Wir kennen keine Parteien mehr, keine Rechten und Linken. Ob ARD oder ZDF, ob Spiegel oder Bild, ob Julian Reichelt oder Sascha Lobo, ob Annalena Baerbock oder Norbert Röttgen: Seit an Seit kämpfen sie gemeinsam für die Freiheit, für den Frieden, für die Demokratie, für Menschenrechte und ein besseres Klima, gegen Nordstream 2, für klimaneutrales amerikanisches Freiheitsgas und für die Nato. Wir sagen Danke.

Die Zeit wäre reif für eine groß angelegte patriotische Aktion. Wie anno 1916 könnten die Deutschen ihre gehorteten Goldbarren und Krügerrands gegen Eisen eintauschen. Das Gold könnte im Rahmen dieser Aktion „Gold gab ich für Eisen zwopunktnull“ unserem tapferen Verteidigungsbündnis Nato für seine humanitäre Mission zur Verfügung gestellt werden. Es wäre damit in guten Händen und müsste nicht in deutschen Wohnzimmerschubladen ein unnützes Dasein fristen.

…Nichts für ungut liebe Nachdenkseiten. Tatsächlich schätze ich natürlich eure Artikel zur Ukraine-Krise, zu Russland und zum Zustand unserer Medien. Und gleichzeitig wird mir schlecht, wenn ich sehe, wie Journalistinnen und Journalisten heute ihre Aufgabe wahrnehmen: unkritisch und penetrant primitivste Nato-Propaganda verbreitend.

Mit besten Grüßen

Thomas Arnold

11. Leserbrief

Lieber Herr Müller!

Sie sprechen mir voll aus der Seele, wenn Sie behaupten, dass sich Russland vom Westen bisher zu viel gefallen ließ. Auch ich habe dies in frühreren Beiträgen schon erwähnt. Manchmal hat man das Gefühl, dass manche Politiker (wie Herr Kubicki, Herr Platzeck, manche Vertreter der Linken oder der AfD) dies auch gern sagen würden, sich aber in der Öffentlichkeit nicht trauen. Man sieht ja wie schnell der russlandfreundliche Admiral seinen Posten verloren hat. Die veröffentlichte Meinung ist vorgegeben und keiner darf mehr daran rütteln. Nur in den Politblogs des Netzes darf dies noch angesprochen werden. Interessant ist aber die Tatsache, dass selbst so wenig russlandfreundliche und teils rechte Blogs wie die der Herren Reitschuster, Broder oder Tichy sich nicht mehr richtig an Russlandkritik herantrauen. Versuchen sie es dennoch, gibt es von deren Lesern sofort eine Gegenreaktion mit der dann der russische Präsident in Schutz genommen wird. Hier funktioniert also noch das Gegengewicht zum mittlerweile verkommenen Mainstream des Fernsehens. Der Westen versucht ja mit allen Mitteln die derzeitig russische Führung zu schwächen. Natürlich auch mit einer dortigen innenpolitischen Destabilisierung. Wir wissen ja, was mit Sevim Dagdalen passierte, als sie ein solches Vorgehen einmal bei Anne Will ansprach. Ich hoffe nur, dass es vielleicht mehreren Kriegstreibern des Westens allmählich bewusst wird, dass ein Nachfolger des derzeitigen Präsidenten sich vielleicht nicht mehr so viel gefallen lässt. Eine vom Westen geführte Marionette als Präsident dieses größten, aber auch rohstoff- und bodenschatzreichen Landes lässt sich halt zum Glück nicht so ohne weiteres einsetzen.

 

Mit freundlichem Gruß

Harald Pfleger

Anmerkung zur Korrespondenz mit den NachDenkSeiten

Die NachDenkSeiten freuen sich über Ihre Zuschriften, am besten in einer angemessenen Länge und mit einem eindeutigen Betreff.

Es gibt die folgenden E-Mail-Adressen:

Weitere Details zu diesem Thema finden Sie in unserer „Gebrauchsanleitung“.

Einen Kommentar hinterlassen

AUTOR

Redaktion

DATUM

Januar 28, 2022

SHARE
NEUE VIDEOS/AUDIOS

Ähnliche Beiträge