Der Westen staunt über die rasche Rückeroberung Afghanistans durch die Taliban. Doch das Scheitern kommt nicht überraschend. Lesen Sie hier den zweiten Teil der von Dr. Phil Mehrens verfassten Analyse über das Afghanistan-Debakel, den ersten Teil können Sie hier lesen. Mehr über das totale Scheitern der USA im Nahen und Mittleren Osten lesen Sie im COMPACT-Spezial Krieg. Lügen. USA: Die Blutspur einer WeltmachtHier mehr erfahren.

Was ist auch von einer Regierung zu halten, die ihre verdientesten Männer in eine Schlacht schickt, aber zu unfähig und unorganisiert ist, um die nötige Luftunterstützung zu liefern? Zwanzig der besten Elitekämpfer des Landes wurden Mitte Juni im umkämpften Faryab getötet, weil die logistische Unterstützung ausblieb. Wer kann da loyal bleiben?

„Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir niemand“

Offenbar hat im Westen kaum jemand die Landesmentalität begriffen, die geprägt ist von den Clans und Warlords, die Afghanistan seit Generationen beherrschen. Da von den Regierenden nie etwas zu erwarten war, herrscht im Land eine Stimmung des „Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner“, eine gnadenlose Ellenbogenmentalität.

Man konnte sich 2009 ein Bild davon machen, als Einheimische über zwei von den Taliban entführte Tanklaster herfielen, um sich mit Gratis-Benzin zu versorgen. Jeder war sich selbst der Nächste. Am Ende waren 142 Zivilisten tot. Der von Oberst Georg Klein befohlene Luftschlag füllte wochenlang die Gazetten. Nachdem vor wenigen Wochen die US-Truppen ihre Basis Bagram im Norden der Hauptstadt geräumt hatten, waren heißblütige Plünderer noch vor dem afghanischen Militär zur Stelle.

Demokratie – Wohl doch kein Exportschlager

Vierte Lehre ‒ Demokratie lässt sich nicht exportieren: Der im linken Milieu so gern gegen den Imperialismus erhobene Ethnozentrismus-Vorwurf hat bisher gern die Frage ausgeklammert, ob das westliche Demokratiemodell sich für den Export eignet. Die Erfahrungen der letzten zwanzig Jahre offenbaren, mit wie viel Illusionismus und fehlendem Verständnis für fremde Kulturen manche Politiker im Westen an die Allheilkraft eines Systems glauben, das in ihrem Kulturkreis entwickelt und zur Blüte gebracht wurde.

U.S. Air Force bei einer Operation über Afghanistan im November 2008.

Wie wenig eine zutiefst vom islamischen Glauben durchtränkte Kultur sich für die Demokratie westlicher Prägung eignet, verdeutlichte schon der Politologe Samuel Huntington in Kampf der Kulturen. Das Buch erschien noch vor den Ereignissen, die sich in den letzten beiden Jahrzehnten im vorderen Orient zugetragen haben.

Ist es nicht an der Zeit, sich einzugestehen, dass die Demokratie kein universeller Exportschlager ist? Könnte es vielleicht ratsam sein, sich von humanistischem Missionseifer loszusagen, vor allem dann, wenn er den eigenen Steuerzahler solche Unsummen kostet, wie in den letzten zwanzig Jahren in Afghanistan verpulvert wurden? Schwerer wiegt noch, dass ihr Hauptertrag die nächste große Flüchtlingswelle sein dürfte, weil man am Hindukusch ja immerhin eines gelernt hat: wie viele Millionen das Wohl der Afghanen dem Westen wert ist. Wenn die Demokratie nicht zu ihnen kommt, kommen sie eben zur Demokratie.

Viril-vitaler Haufen

Fünfte Lehre ‒ Guerilla-Kämpfer bleiben unberechenbar: Die Taliban sind immer geblieben, was – dem Wesen nach – auch der Vietcong war: eine stolze, verschworene, immens effizient agierende Guerillatruppe, vom Ausland alimentiert, mithin bestens ausgerüstet und von einer festen ideologischen Grundüberzeugung zusammengehalten. Im Land der Frauenversteher und Sitzpinkler tut man sich schwer damit, sich einen solchen viril-vitalen Haufen von Abenteurern, einen zu allem entschlossenen militärischen Männerbund vorzustellen, schlicht deshalb, weil derlei hierzulande ausgestorben ist.

Der säkularisierte, areligiöse und sittlich dekadente Westen hat intellektuelle Schwierigkeiten, sich vor Augen zu führen, was es bedeutet, so total von einer religiösen Lehre durchdrungen zu sein, dass sie wichtiger wird als die eigene Existenz. Der Bürger des Westens demonstriert seine radikale Diesseitssucht gerade eindrucksvoll dadurch, dass er elementare ideelle Werte, Freiheits- und Autonomierechte, für die seine Vorfahren vor 170 Jahren ihr Leben hingaben, einem fortwährend gebrochenen staatlichen Sicherheitsversprechen aufopfert.

Die Taliban dagegen eint ein ebenso schlichtes wie mobilisierungsstarkes Weltbild mit Jenseitsbezug. Es generiert einen religiösen Eifer, wie ihn Deutsche auch einmal kannten: in der Zeit der Kreuzzüge. Ihre Religion ist ihnen heilig, jedes Opfer wert. Einer solchen, von einer gemeinsamen Vision getragenen Truppe von Glaubenskriegern haben unterversorgte Soldaten, deren Loyalität gegenüber dem Regime mit jedem ausgebliebenen Monatssold abnimmt, nichts entgegenzusetzen.

Nach dem 11. September 2001 drängte die rot-grüne Bundesregierung auf einen Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Foto: Der Spiegel

Alles und jeder ist käuflich

In geheimen Verhandlungen mit den USA zeigten sich die Taliban stets dermaßen selbstbewusst und kompromisslos, wie es nur jemand kann, der weiß, dass die Zeit für ihn spielt. Die zerstrittenen Eliten von Kabul haben die Zeit der Besatzung schamlos genutzt, um sich selbst und die mit ihnen verbundenen Clans zu bereichern, während der Westen bemüht war, sich die Gunst des Volkes mit dem zu erkaufen, was Ghani, Abdullah und Co. von den westlichen Entwicklungsgeldern übrig ließen.

Jeder Afghane wusste, dass nach dem Abzug der westlichen Truppen dieser Geldfluss jäh versiegen und sie noch weniger zum Leben haben würden. Das Vertrauen in die korrupten Kabuler Eliten ist gleich null. Zumindest den Paschtunen fiel es da nicht schwer, sich den Taliban anzuschließen. Niemand hält es mit dem Sheriff von Nottingham, solange Robin Hood und seine Helden von Sherwood Triumphe feiern und die Mächtigen düpieren.

Weiteres Mullah-Regime in den Startlöchern

Das Überlaufen vollzieht sich geräuschlos: In dem Bewusstsein, dass die Provinzbehörden seitens der Hauptstadt mit keinerlei Unterstützung rechnen können, macht ein Taliban-Gesandter ein Angebot, das der örtliche Militärführer, der Dorfälteste oder Amtsvorsteher nicht ablehnen kann: freies Geleit und ein Monatslohn als kleine Aufbauhilfe und Dankeschön dafür, dass die Ortschaft oder die Basis den Taliban kampflos überlassen wird – oder ein Kampf, den die gut ausgerüsteten Rebellen sowieso gewinnen werden. Afghanistan, das scheint zu heißen: Alles und jeder ist käuflich.

Neuerdings inszenieren sich die Aufständischen, die mehrheitlich der Volksgruppe der Paschtunen, der stärksten des Landes, angehören, auch geschickt als – durch den verbindenden muslimischen Glauben legitimierte – Vertretung aller Afghanen, wirken geradezu samtpfötig. Auch die Taliban haben dazugelernt. Es spricht einiges dafür, dass das Regime des Schreckens, das sie jetzt zu errichten im Begriff sind, ein wenig weniger schrecklich ausfallen wird als vor 25 Jahren. Nach dem Iran steht nun das zweite mächtige Mullah-Regime in den Startlöchern.

Den ersten Teil des Artikels können Sie hier lesen.

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