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Borniertheit | Von Bernd Lukoschik

Published On: 27. April 2022 11:58

Ein Kommentar von Bernd Lukoschik.

Element unserer konformistischen Gesellschaft

Das Phänomen

Etwas ganz alltäglich Gewordenes: Da tritt ein Politiker auf und wirft der Friedensbewegung vor, sie solidarisiere sich nicht (genug) mit der Ukraine gegen Russland. Sie fröne einem falsch verstandenen Pazifismus. Der Hinweis der Friedensbewegten auf die Vielzahl an Untaten der NATO in den letzten Jahrzehnten, ihr Verweis auf die illegalen Kriege der westlichen „Werte“-Gemeinschaft, all das, um Russlands Vorgehen zu relativieren, gar verständlich zu machen, sei unangebracht.

Was war, zähle nicht.

Allein das, was ist, zählt: Heute begehe Putin Verbrechen. Und das muss gewissermaßen bestraft werden, was nur mit militärischen Mitteln gelingen könne.

Frieden schaffen mit schweren Waffen!

Mit solchen Gedankengängen wird der Zeitgenosse nicht nur seitens der Politiker eingedeckt, sondern auch vom näheren oder ferneren Bekanntenkreis. Zunehmend macht sich Aggression breit. Wer für Frieden ist, ist für Russland.

Engstirnigkeit bzw. Borniertheit Nr. 1

Was war, zählt nicht, nur was eben geschieht, bestimmt unser Denken und Handeln.

Wir interessieren uns nicht mehr für die Vergangenheit, weil wir keine Vergangenheit mehr haben. Längst ist das flüchtige Kurzzeitgedächtnis an die Stelle der Erinnerung getreten.

Engstirnigkeit bzw. Borniertheit Nr. 2

Was sein wird, was droht, worauf wir hinarbeiten, gerät aus dem Fokus unseres Vorstellens und Denkens. Verzicht auf den unbedingten Pazifismus – was zunehmend gefordert wird – lässt eine sehr wahrscheinlich furchtbare Zukunft schlicht aus der Vorstellungswelt verschwinden: den drohenden Nuklearkrieg.

Wir machen uns keine Gedanken mehr um die drohende Zukunft, weil wir keinen Zeithorizont nach vorn haben, keine Zukunft mehr vorstellen können.

Das Ausblenden von Vergangenheit und Zukunft lässt den Zeitgenossen sich auf eine nahezu punktuelle Gegenwart fixieren: Die Wirklichkeit verkommt zu einer bloßen Aneinanderreihung von Momentaufnahmen.

Und er verändert sich ebenfalls: Er verkümmert zum Jetztling, zu einem Wesen, das über den zeitlichen Horizont einer Eintagsfliege verfügt – wenn deren Zeithorizont mit ihrem einen Tag den des westlichen Wertemenschen hier nicht bereits bei Weitem übertrifft! Man bedenke nur die Erinnerungsleistung des Tagesschaukonsumenten fünf Minuten nach Verglimmen der Nachrichtenberieselung!

Die Handlung

Dabei ist doch klar, dass die Handlung des anderen und meine eigene Handlungsfähigkeit zutiefst von der Vergangenheit und der Zukunft abhängen.

… von der Vergangenheit

Wie soll ich Putins Handeln verstehen, wenn ich nur auf sein punktuelles Tun starre, das mir die Medien in Momentaufnahmen präsentieren? In Momentaufnahmen – das haben nun mal Bilder so an sich –, die systematisch Vergangenheit und Zukunft ausklammern müssen.

Um seine Handlung zu verstehen, ist es notwendig, seine Beweggründe und Motive empathisch nachzuvollziehen, warum die Situation, in der und aus der heraus Putin handelt, so geworden ist, wie sie ist. Und dazu gehört natürlich auch sein Blick auf die vergangenen illegalen Kriege und Menschenrechtsverletzungen der NATO und der Krieg in der Ostukraine in den vergangenen acht Jahren und die seit zwanzig Jahren von der NATO vollzogene Bewegung auf Russland zu.

Von Putin zu verlangen, er müsse, um rational in unserem Sinne zu handeln, auf die Einschätzung dieser Vergangenheit verzichten, hieße, ihn auf den Zustand einer Eintagsfliege zu reduzieren. Klar, das wäre tatsächlich das Beste, was der westlichen Wertegemeinschaft geschehen könnte! Natürlich fordert sie von ihm dieselbe Zeiteinengung, die sie selbst praktiziert!

… von der Zukunft

Der oben erwähnte Politiker und die vielen anderen sonst halten den unbedingten Pazifismus vieler Friedensbewegter zunehmend für etwas zu unbedingt. Zunehmend wird, aus Solidarität – um diesen in den zwei letzten Jahren strapazierten und bis zur Unkenntlichkeit verhunzten Begriff zu gebrauchen –, eine gewisse Kriegsbereitschaft und -freudigkeit eingefordert. Jeder, der einigermaßen klar im Kopf ist, weiß, dass der nächste größere Krieg ein Nuklearkrieg sein wird.

Ein Nuklearkrieg! Und langsam wird jeder auf ihn hin konditioniert!

Hier kommt nun Borniertheit Nr. 2 ins Spiel. Wir Jetztlinge haben uns den Zeithorizont Zukunft abtrainiert. So wollen wir uns nicht vorstellen, was ein Nuklearkrieg bedeutet: weil wir es nicht mehr können.

Und so bewegen wir uns aus unserem augenblicklichen Jetzt ins nächste Jetzt, das ja wiederum keinen Blick auf die weitere (drohende) Zukunft erlaubt, die wir systematisch ausblenden.

Gelenkt und manipuliert

Wenn wir Sammler von Momentaufnahmen immer nur im Jetzt herumdümpeln, ohne in Vergangenheit zurückreichen zu können, also ohne Beweggründe und eigene Motive, ohne uns an einer Zukunft orientieren zu können, also ohne durchdachte Absichten und Visionen: Was bestimmt uns Jetztwesen dann eigentlich?

Wer keine Vergangenheit mehr hat und keine Zukunft, sondern nur mit Momentaufnahmen abgespeist wird, der ist dazu verdammt, von außen gesteuert zu werden. Er handelt nicht, er reagiert. Entweder getrieben von den jeweiligen Umständen oder von irgendwelchen Kräften, politischen, geopolitischen, gesellschaftlichen, die er nicht durchschaut, die für ihn nicht existieren.

Aussichten

Wir gehen also denkbar schlecht an die zukünftigen Aufgaben heran. Der einzige Vorteil – wenn man Bewusstlosigkeit als Vorteil bewerten möchte –: Zukünftige Aufgaben gibt es für uns nicht mehr, „zukünftige“ deshalb nicht, weil wir ja keine Zukunft vorstellen können, „Aufgaben“ nicht, weil sich einer Eintagsfliege gar keine „Aufgaben“ stellen können.

Wie gesagt, ein wahres Eldorado an menschlicher Manövriermasse für die, die sich dort oben an den Schaltstellen der Macht tummeln.

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Wir danken dem Autor für das Recht zur Veröffentlichung des Beitrags.

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Bildquelle: masamasa3 / shutterstock

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