Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH): Jörg Dittrich.

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Jörg Dittrich, sieht die Inflation und den Fachkräftemangel als große Herausforderungen für seine Branche.Foto: Michael Kappeler/dpa

Das Handwerk in Deutschland steht vor zwei existenziellen Herausforderungen: Neben den steigenden Energiekosten wirkt sich das Fehlen von Fachkräften aus.

Das deutsche Handwerk steht vor existenziellen Herausforderungen – und die Kunden bekommen es immer mehr zu spüren. Es dauert nicht nur vielerorts immer länger, bis Termine für Handwerksleistungen verfügbar sind. Die Arbeiten selbst werden zudem immer teurer. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Vielmehr könnte sich die Situation weiter zuspitzen.

Betriebe müssen ihre Preise der Kostenexplosion anpassen

Im Gespräch mit der „Deutschen Presse-Agentur“ (dpa) nennt Handwerkspräsident Jörg Dittrich vor allem zwei Faktoren, die hinter der Entwicklung stünden. Zum einen bekämen die Betriebe die Teuerung zu spüren. Zum anderen sei das Handwerk in besonderer Weise vom Fachkräftemangel betroffen. Die Babyboomer-Jahrgänge gingen in Rente, die Akademisierung sorge für fehlenden Nachwuchs. Dittrich warnt:

Die Gefahr besteht, dass dann im Handwerk bestimmte Dienstleistungen nicht mehr angeboten werden können. Wir müssen unbedingt und durch gemeinsame Kraftanstrengung von Politik und Handwerk verhindern, dass diese Situation eintritt.“

Ein Handwerksbetrieb stehe mehrfach unter erheblichem Preisdruck, sagte Dittrich. Die Teuerung bei Energie und Material treibe den Preis in die Höhe, zugleich aber stiegen die Löhne und die Lohnnebenkosten. Betriebe hätten keine andere Wahl, als ihre Preise an ihre Kosten anzupassen:

Mich treibt die Sorge um, dass die Handwerksleistung für Kundinnen und Kunden unbezahlbar wird. Das darf nicht sein.“

Ohne Handwerk keine energetische Sanierung

Die steigenden Preise trieben Fachkräfte zunehmend in die Schwarzarbeit, was wiederum den Betrieben auf die Füße falle. Es müsse wirksame Schritte geben, um den Faktor Arbeit zu entlasten und die Lohnnebenkosten nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Nur dann könne das lohn- und personalintensive Handwerk seine Leistungen zu bezahlbaren Preisen erbringen.

Eine weitere Baustelle sei die Fachkräftesicherung. Gelinge es nicht, den Fachkräftemangel in den Griff zu bekommen, werde es auch nicht möglich sein, die „großen Transformationsthemen“ zu stemmen. Immerhin hingen auch Maßnahmen zum Klimaschutz vom Handwerk ab – von der Montage von Solaranlagen bis hin zur energetischen Sanierung.

Das Handwerk werde sich seinerseits bemühen, junge Menschen, aber auch Frauen und Langzeiterwerbslose zu mobilisieren. Zwar seien die Produkte und Dienstleistungen komplexer geworden, gab Dittrich zu. Dennoch sei für eine Karriere im Handwerk nicht zwingend ein Abitur erforderlich. Auch Menschen, die keinen oder nur einen schlechten Schulabschluss vorweisen könnten, müssten, wo immer möglich, in eine Ausbildung gebracht werden.

Innovation soll körperliche Anforderungen erleichtern

Zuwanderung aus dem Ausland werde ebenfalls zu einem wesentlichen Faktor werden, um das Fachkräfteproblem zu lösen. Zudem sei die Innovationskraft bedeutsam. Dittrich erinnerte an das Projekt einer Hochschule, die zusammen mit Handwerkern einen Dachroboter entwickele:

Sicherlich sind im Handwerk die Substitutionsmöglichkeiten durch Technologie geringer als in vielen anderen Wirtschaftsbereichen. […] Aber wir können durch stärkeren Einsatz von Technik Arbeiten körperlich erleichtern, wie beispielsweise Fliesen in die fünfte Etage eines Mietshauses zu tragen.“

Hoffnungen setzt das Handwerk auch auf das angekündigte Gesetzespaket von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) zur Fachkräfte-Einwanderung. Bisherige Optionen für Nicht-EU-Bürger, um in Deutschland eine Aufenthaltserlaubnis zum Zwecke der Arbeitsaufnahme zu erlangen, helfen dem Handwerk wenig.

Blaue Karte auf Berufe im Handwerk derzeit kaum anwendbar

So hängt beispielsweise die „Blaue Karte/EU“ derzeit von Faktoren ab, die nur selten auf angehende Handwerker zutreffen. Diese ist gemäß der derzeit geltenden Regelung hauptsächlich auf Akademiker oder auf Personen mit bestimmten Qualifikationen zugeschnitten. Häufig müssen dabei bestimmte Zertifikate beigebracht werden, die in Deutschland anerkannt sein müssen.

Wer eine Blaue Karte erlangen will, muss ein konkretes Stellenangebot eines deutschen Arbeitgebers vorlegen. Der Arbeitgeber muss angeben, welche Stelle er besetzen will und welches Gehalt er bezahlt. Für Selbstständige gibt es keine vergleichbare „Blue Card“.

Eine Blaue Karte setzt außerdem ein Gehalt voraus, das mindestens dem Eineinhalbfachen des nationalen Gehaltsdurchschnitts in Deutschland entspricht. Im Jahr 2022 waren dies 56.400 Euro brutto vor Steuern. In einigen Mangelberufen wie Wissenschaft, Medizin, Ingenieurwesen, IT oder Architektur reichen mindestens 44.304 Euro. Eine Blaue Karte bei niedrigerem Gehalt gibt es nur bei Zustimmung der Bundesagentur für Arbeit.

Arbeitskräftemangel könnte deutliche Erleichterung bei Anforderungen erzwingen

Greta Agustini, Fachanwältin für Einwanderung, bestätigte gegenüber Epoch Times, dass die derzeitige Regelung rund um die Blaue Karte wenig Bedeutung für das Handwerk habe. Derzeit gehe es dabei primär um akademische Berufe:

Wenn Sie in Ihrem Fachgebiet hochqualifiziert sind, haben Sie Anspruch auf eine Blaue Karte Deutschland. Personen, die keinen Abschluss in förderfähigen Berufen wie Architektur, Naturwissenschaften oder Gesundheitswesen haben, dürfen diese Art von Ausweis leider nicht erwerben.“

Derzeit müssten Einwanderer aus Drittstaaten, die als Handwerker in Deutschland sesshaft werden wollen, auf andere Optionen zurückgreifen. Ein möglicher Weg führe dabei über ein reguläres Arbeitsvisum, speziell mit Blick auf einen vom Fachkräftemangel betroffenen Beruf.

Agustini rechnet jedoch damit, dass die Beschränkung der Blauen Karte auf Arbeitnehmer mit höherer Ausbildung perspektivisch wegfallen werde. Bulgarien habe die diesbezüglichen Bestimmungen jüngst erleichtert, weitere Länder würden folgen. Vor dem Hintergrund der Arbeitsmarktmarktlage ergebe dies auch Sinn:

Auch wenn sich die erforderliche Höhe der Anforderungen zur Blauen Karte EU jedes Jahr ändert und teilweise geringer ausfällt, würde die Abschaffung der Abschlusspflicht dazu beitragen, den Arbeitskräftemangel in verschiedenen Wirtschaftszweigen zu überwinden

.“

[Mit Material der dpa]



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!