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Angela Merkel und der „Krieg“ ohne Sieg

Published On: 27. Juli 2021 17:58

Merkel und andere Politiker sprechen über die Pandemie wie über einen Krieg. Ursprünglich sollte das Impfangebot für alle ihn beenden. Doch jetzt soll es einfach weitergehen. Die Bürger müssten von den Regierenden endlich Klarheit verlangen, welchen Sieg sie anstreben.

IMAGO / Emmanuele Contini

Angela Merkel im Kanzleramt

Angela Merkel hat in der Pandemie immer wieder ein martialisches Vokabular verwendet. Nicht nur sie tat das. Das Virus als „Gegner“ oder gar „Feind“ zu bezeichnen, ist auch bei Jens Spahn und anderen längst zu einem Leitnarrativ geworden. Die wahrlich unsoldatische Merkel hat sich vor dem Bundestag wie die Anführerin eines kriegführenden Landes inszeniert, als sie sagte: „Am Ende können wir es gemeinsam schaffen, diese Pandemie zu besiegen und unser Land wieder in bessere Zeiten zu führen.

Das Ziel der Kriegführung ist für gewöhnlich der Sieg über einen Feind, wie ihn ja auch Merkel in Aussicht stellt. Kluge, verantwortungsbewusste Kriegsführende waren sich stets darüber im Klaren, worin ein solcher Sieg besteht. Merkel allerdings hat nicht explizit gesagt, woran man denn das „Besiegen“ der Pandemie erkennen werde, das die Voraussetzung dafür sei, „unser Land wieder in bessere Zeiten zu führen“. Ihr wurde allerdings erstaunlicherweise auch nie die direkte Frage danach gestellt. 

Im vergangenen März noch war die Antwort implizit von Merkels Kanzleramtsminister Braun gegeben worden: „Wenn wir jedem in Deutschland ein Impfangebot gemacht haben, dann können wir zur Normalität in allen Bereichen zurückkehren.“ Ein Impfangebot für alle war also gleichbedeutend mit dem Sieg. Nun, da dies der Fall ist, gilt das aber nicht mehr. Braun hat im Dienste seiner Kanzlerin dieses Versprechen gebrochen. Der Sieg soll keiner mehr sein, der Feldzug geht also weiter: „Wir müssen schneller impfen, als Delta sich ausbreitet“, ist Brauns neuer Schlachtruf.

Nehmen wir das Sprachbild vom Krieg gegen das Corona-Virus einmal ernst. Dann müssen wir uns fragen, welchen Zweck dieser „Krieg“ gegen Corona hat. Man kann sich einer Antwort darauf vielleicht nähern, wenn man Kriege nach den Kriegszielen kategorisiert. 

In den eingehegten Kabinettskriegen der Epoche vor 1789 zum Beispiel war es stets von vornherein klar, dass nicht die vollständige Vernichtung des Gegners das Ziel war, sondern „nur“ dessen Schwächung – durch Eroberung oder Verteidigung bestimmter Landstriche. Dabei war klar, dass man sich mit dem Gegner in absehbarer Zukunft an einen Tisch setzen würde, um einen (vorläufig stabilen) Frieden auszuhandeln. Die Bürger hatten dabei nicht mitzureden, aber ihre Risiken und Schäden durch solche Kriege waren auch meist begrenzt. 

Davor und danach und auch neben solchen eingehegten Kriegen gab es Vernichtungskriege, die geführt wurden, um einen Gegner, also ein politisches Regime, einen Staat oder sogar eine bestimmte Menschengruppe oder Zivilisation zu vernichten – oder eben die eigene Vernichtung zu verhindern. 

Die politische Rhetorik der Kanzlerin und anderer „Corona-Krieger” legt nahe, dass man den Kampf gegen das Virus als einen solchen Vernichtungskrieg im übertragenen Sinne zu führen gedenkt. Stichwort „NoCovid“ oder „ZeroCovid“. Dass dies gelingt, ist allerdings völlig unrealistisch und wird auch von Politikern kaum mehr konkret in Aussicht gestellt. 

Es gibt allerdings noch zwei weitere Kategorien von Kriegen, die für Historiker bisher keine große Rolle spielten. Die erste, weil sie womöglich ein relativ junges Phänomen ist. Die zweite, weil sie womöglich nicht wirkliche, sondern fiktionale und imaginierte, also nur vorgestellte Kriege betrifft. 

Zur ersten gehören die meisten Kriege, die westliche Mächte, allen voran die USA nach 1945 führten. Es sind Kriege, die begonnen und geführt werden, ohne dass die kriegführenden westlichen Mächte wussten, worin ihr Sieg überhaupt bestehen sollte. Kriege, die zwar eine moralische Rechtfertigung hatten, aber kein klares Kriegsziel. In Vietnam in den 1960er Jahren war das Ziel noch irgendwie vage vorstellbar: Die Nordvietnamesen in Hanoi würden den Vietcong angesichts ihrer horrenden Verluste befehlen, den Kampf einzustellen, Südvietnam würde friedlich und antikommunistisch werden. Beim „Krieg gegen den Terror“ in Irak, Afghanistan, Mali und anderswo war das fast von Anfang an unvorstellbar. Es gab und gibt ja nicht einmal ein gegnerisches Oberkommando, das seine Niederlage eingestehen könnte. Und es gab auf westlicher Seite nie den eisenharten Willen, die Härte, die Leidensbereitschaft und die Rücksichtslosigkeit, den „Islamismus” wirklich zu vernichten. Dass diese Kriege dennoch geführt wurden, obwohl sie gar nicht wirklich gewonnen werden wollten oder konnten, in Afghanistan rund 20 Jahre lang, wird man vielleicht einmal als eines der großen Rätsel unserer Epoche betrachten.

Aber es gibt noch eine weitere Kategorie von Kriegen. Ihre Existenz in der Wirklichkeit ist nicht nachgewiesen. Das sind die Kriege, die George Orwell in seinem Roman „1984“ beschreibt. Kriege, die nicht um den Sieg gegen den konkreten Feind willen geführt werden. Kriege, die die Kriegführenden gar nicht gewinnen wollen, aber dennoch unbedingt zu führen vorgeben, weil sie als Mittel zum Zweck ihrer Herrschaft über die eigene Bevölkerung dienen. „Ozeanien“, der totalitäre Staat im Roman, führt also unaufhörlich Krieg gegen eines der beiden anderen imaginären Weltreiche „Eurasien“ und „Ostasien“. Die Verfilmung von „1984“ beginnt mit einer besonders eindringlichen Szene: Einem Kriegs-Film im Film, der offensichtlich dazu dient, die Bewohner von Ozeanien in ihrem Hass auf den äußeren und den inneren Feind (dessen Existenz zweifelhaft ist) und der Liebe zum „Großen Bruder“ zu vereinen. 

Die Bewohner von Ozeanien in Orwells Dystopie haben keine Möglichkeit, ihre Anführer zu fragen, warum und zu welchem Zweck die endlosen Kriege geführt werden. Bürger freier Staaten sollten ihre Regierenden keine Kriege – auch keine nur so genannten – führen lassen, wenn diese die Kriegsziele und die Bedingungen des Friedens nicht klar definieren. Sonst sind am Ende womöglich sie selbst die größten Verlierer.  

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