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Der ewige Sündenbock. Heute: Covid-Skeptiker

Der kaum verhohlene hämische Genuß, den es nicht nur Journalisten, Politikern und Experten, sondern auch vielen einfachen Nutzern der sozialen Medien bereitet, ungeimpfte Menschen als asoziale Schädlinge der Volksgesundheit zu diffamieren, muss alarmieren.

Die Totalitarismusforschung hat gezeigt, daß ein autoritärer Staat nur dann überlebensfähig ist, wenn er nicht nur die tatsächlichen Machtmittel kontrolliert; er muß auch die eigene Bevölkerung in einem so hohen Grad in die eigenen Missetaten verwickeln, daß sie kollektiv zum Komplizen wird und zusammen mit der Moral auch die Selbstachtung und somit die innere Bereitschaft zum Widerstand verliert. Sollte da nicht gerade heute eine Alarmglocke läuten?

Es wird in diesen Tagen viel von der „Covid-Diktatur“ gesprochen, und tatsächlich ließe sich einiges über die verfassungs- wie naturrechtlich überaus bedenkliche autoritäre Transformation unserer westlichen Gesellschaften sprechen. Diese hat Zustände hervorgebracht, die man noch vor zwei Jahren als verschwörungstheoretisches Delirium belächelt hätte:

Überall in Europa sollen wohl in Kürze nicht nur kerngesunde Erwachsene, sondern auch Kinder, die sich nicht einer „freiwilligen“ experimentellen gentechnischen Therapie gegen eine Pandemie unterziehen wollen, an (oder mit) der in anderthalb Jahren in Deutschland sage und schreibe 0,11% der Bevölkerung verstorben sind (fast ausschließlich alte Menschen mit multiplen Vorerkrankungen), dauerhaft aus nahezu allen Orten öffentlichen Lebens und sogar von der Reise in das Ausland ausgeschlossen werden – und das unter dem breiten Applaus von Medien, Politik und „Experten“, die ansonsten bei jedem Atemzug von Menschenrechten und Toleranz zu sprechen gewohnt sind.

Daß diese unausgegorene „Impfung“ weder die Aufnahme noch die Weitergabe von Covid-19 wesentlich zu behindern scheint, sondern nur das individuelle Immunsystem stärkt und zudem nicht unbeträchtliche Nebenwirkungen aufweist, läßt das Ganze gleich doppelt surreal wirken und macht den indirekten „Zwang“ zur Impfung einer kompletten Bevölkerung völlig unverständlich. Zählt man hinzu, daß es auch vor Covid-19 um die westlichen Demokratien nicht zum Besten bestellt war, ja daß die Covid-„Notstandsgesetze“ nur in vielerlei Hinsicht die Konsequenz einer bereits lange angelegten Selbstabschaffung der bürgerlichen Demokratie sind, kann es dem wachsamen Bürger nur kalt den Rücken hinunterlaufen, wenn er daran denkt, was die Zukunft sonst noch für ihn bereithalten mag.

In dieser bedenklichen Lage wirkt die Nachricht, daß einer Forsa-Umfrage vom 4. August zufolge 69 % der Deutschen diese Entwicklung auch noch tatsächlich unterstützen sollen, wie ein Faustschlag in den Magen. Auch wenn diese Zahl aus mehreren Gründen durchaus fragwürdig scheint, beleuchtet sie doch ein Phänomen, das kaum noch zu leugnen ist:

Parteienstaat gegen Bürger

Den kaum verhohlenen hämischen Genuß, den es nicht nur Journalisten, Politikern und Experten, sondern auch vielen einfachen Nutzern der sozialen Medien bereitet, ungeimpfte Menschen als asoziale Schädlinge der Volksgesundheit zu diffamieren, die sogar von der UNO kritisierte polizeiliche Niederknüppelung von Demonstranten als einzig möglichen Umgang mit gefährlichen „Spinnern“ zu rechtfertigen und den dauerhaften Entzug ihrer angeborenen Freiheitsrechte und ihre physische Segregation von der Mehrheitsgesellschaft als eine gerechte Strafe für die „Sturheit“ und „Dummheit“ der „Covidioten“ zu betrachten. Gerade diese Bereitschaft zu triumphalistischem Haß und physischer Unterdrückung aber ist der zweite unerläßliche Baustein für die Verfestigung der sich abzeichnenden autoritären Zustände, nämlich die Komplizenschaft eines signifikanten Teils der Bevölkerung mit dem Verbrechen und somit jene moralische Mithaftung, die ein jedes „Zurück“ fast unmöglich macht.

Angesichts der ansonsten ad nauseam hervorgehobenen „besonderen“ deutschen Erfahrung mit rechter wie linker Diktatur ist es erschreckend anzusehen, mit welchem höhnischen Behagen ungeimpfte Menschen mit Parolen übergossen werden, die zunehmend und wohl nicht ohne Grund an die Diktion des Dritten Reiches wie auch der DDR erinnern. Ich erspare mir hier eine Auflistung der allgegenwärtigen boshaften Kommentare, die allesamt darauf hinauslaufen, jene, die den Lockdown kritisieren oder eine „freiwillige“ Covid-„Impfung” für sich oder ihre Kinder dankend ablehnen, bis mehr über die Nebenwirkungen und Folgen der Impfung bekannt ist, als Staatsfeinde darzustellen, die es mit allen Mitteln zum Gehorsam zu zwingen gilt.

Und es zeichnet sich jetzt schon ab, daß man ihnen als den idealen Sündenböcken auch in Zukunft entgegen jeglicher Evidenz alle denkbaren Übel in die Schuhe schieben wird: und zwar nicht nur die vierte, fünfte oder sechste Welle und die zu erwartenden Virus-Mutationen und die Unwirksamkeit der „Impfungen”, sondern eben auch die Notwendigkeit jenes schon seit vielen Jahren erwarteten „Great Reset“, dessen desaströsen Folgen man nunmehr passenderweise dem Virus und den „Covidioten“ zuschreiben kann und wird. Daß der Covid-Skeptiker zum Staatfeind Nummer 1 mutiert, ist dabei gar nicht so absurd, wie es scheinen mag:

Denn wer sich heute schon dem vereinten Druck von Politik, Medien und Mitmenschen verwehrt, wird auch morgen unberechenbar und starrsinnig handeln, wenn es um andere Themen gehen sollte. Ihn bereits jetzt als geschlossene Gruppe zu identifizieren, dem Haß der Mehrheit auszuliefern und möglichst aus der Gesellschaft auszuschließen, ist machttaktisch durchaus sinnvoll und liegt, bedenkt man die zunehmende Tendenz, Proskriptionslisten angeblicher „Gegner“ politisch korrekter Ordnung zu führen, schon jetzt durchaus im Geist der Zeit.

Aus dem Maschinenraum des Nonsens

Diktatur gründet sich nicht nur auf Tyrannis, sondern Mitläufertum und die heimliche schaurige Freude daran, daß es ja „nur“ der andere ist, der gerade erniedrigt und verfolgt wird – ob es nun der Jude ist, der slawische „Untermensch“, der Homosexuelle, der Kulak, der Pope, der Bourgeois oder der Adlige –, während man sich selbst in Sicherheit wähnt als jemand, der „wie alle anderen“ ist, keine „Scherereien“ macht und „denen da oben“ vertraut, die es ja „nur gut meinen“:

Ein gräßliches Fehlkalkül, das natürlich erst in einem zweiten Schritt deutlich ist, wenn es dank Denunziation, Bosheit, Willkür und Terror nun auch den angeblich „unbescholtenen“ Bürgern an den Kragen geht – und wir dürfen auf dieser Basis wohl mit Grauen befürchten, daß das gegenwärtig eingesetzte sanitäre Repressionssystem in einigen Jahren auch zur Ausgrenzung politischer Dissidenz, zur Perpetuierung staatlicher Kontrolle über unsere physische Integrität und schließlich zur Einsetzung eines Sozialkreditsystem nach chinesischem Vorbild genutzt werden könnte.

Ob es möglich sein wird, das Schlimmste zu verhindern und durch beherztes Entgegentreten nicht die dystopische „neue“, sondern eben die „alte“ Normalität zurückzugewinnen? Der Zeitgeist stimmt hier eher pessimistisch – nicht nur, weil die bedenkliche Aushöhlung des Rechtsstaats durch hysterische Pseudomoralisierung den Verantwortlichen kein „Zurück“ ohne schwere rechtliche Konsequenzen mehr ermöglicht, sondern auch, weil der öffentliche Diskurs so polarisiert geworden ist, daß eine Mehrheit der Bürger alleine, um das eigene Gesicht zu wahren, die gegenwärtige Entmenschlichung der angeblichen „Covidioten“ weiter bejahen muß – bis sich auf diesem Sockel der selektiven Ausschließung eines ganzen Teils der Bevölkerung ein Regime erheben wird, dem dann früher oder später auch seine jetzigen Komplizen zum Opfer fallen werden …


Professor Dr. David Engels ist Senior Analyst am Instytut Zachodni in Poznań.

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AUTOR

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DATUM

August 10, 2021

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