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„Sie fühlen Schmerz, Schrecken, aber auch Hilflosigkeit“

Published On: 13. Juni 2022 18:55

Wie erleben Russen den Krieg gegen die Ukraine und die offizielle Propaganda? Gibt es noch unabhängige Medien? Der russische Journalist Arkady Mokhovoy* beschreibt für TE die Lage in dem Land, in dem es noch nicht einmal verlässliche Zahlen über die Gefallenen gibt.

Symbolbild

In welcher Lage befinden sich unabhängige Medien und Journalisten heute in Russland? Das freie, also nicht vom Staat bestimmte landesweite Fernsehen in Russland endete schon 2003. Damals wurde TVC geschlossen, der letzte unabhängige Sender, der im ganzen Land empfangen werden konnte. Der Kreml betrachtete es als essenziell, das überregionale Fernsehen zu kontrollieren. Trotzdem gab es danach noch die unabhängige und oppositionelle Radiostation „Echo Moskau“, es gab unabhängige Printmedien und natürlich das Internet. Es existierte lange eine unausgesproche Übereinkunft im Land, dass es in Russland zumindest eine bestimmte Anzahl freier und sogar oppositioneller Medien geben sollte.

Nach dem Beginn des Krieges im Februar 2022 änderte sich die Situation grundlegend. Von da an war es unmöglich, die Regierung zu kritisieren, egal von wo aus. Das Radio “Echo Moskau” wurde geschlossen – aber einige Journalisten setzten die Arbeit fort, indem sie einen Youtube-Kanal etablierten. Die berühmte “Nowaja Gazjeta”, deren Chefredakteur Dimitri Muratov kürzlich den Nobelpreis bekam, musste ihre Arbeit einstellen.

Einige Medien gingen schon vor dem Krieg ins Ausland, etwa das „Meduza-Projekt“, dessen Team heute im lettischen Riga arbeitet und lebt. Nach dem Kriegsbeginn zogen die Journalisten der privaten TV-Gesellschaft „Dozd“, die über das Internet sendet, ebenfalls nach Riga, um von Lettland aus weiter ihr Publikum zu erreichen. Das Internet ist die einzige Zuflucht für die freien Medien – wobei die meisten Journalisten dieser Medien mittlerweile im Ausland arbeiten.

Es gibt einige YouTube-Kanäle, die fast auf der Ebene von professionellen Fernsehstationen arbeiten, beispielsweise das Team des Oppositionspolitikers Alexei Navalny. Sie berichten über die wirtschaftliche Lage, die aktuelle Politik, kritisieren Putin und dessen Regierung, und betreiben investigativen Journalismus. Diese Journalisten arbeiten von der georgischen Hauptstadt Tiflis aus, von Jerewan in Armenien und den baltischen Staaten.

Sie stellen eine Alternative zur Propaganda dar, die in Russland auf den TV-Bildschirmen allgegenwärtig ist. Die Frage lautet deshalb: Wann werden die Behörden in Russland YouTube blockieren? Für kritische Inhalte ist das schon jetzt auf Facebook und Instagram der Fall. Nur mit Hilfe von Virtuellen Privaten Netzwerken (VPN) ist es möglich, diese Blockade in Russland zu umgehen. Der Messengerdienst Telegram genießt sehr viel Popularität. Einige seiner Kanäle sind offiziell, andere anonym, und so stellt Telegram für viele ein Medium dar, auf dem sie Informationen von beiden Seiten empfangen können.

Auf Telegram finden sich Politiker, Journalisten und Blogger, die stündlich neue Nachrichten senden. Einer der beliebtesten Kanäle heißt NEXTA Live, betrieben von einem weißrussischen Journalisten, der ihn während der Präsidentenwahl in Belarus und der damaligen Massenproteste gründete. Der komplette Redaktionssitz von NEXTA Live befindet sich in Polen. Aber die Journalisten berichten trotzdem sehr intensiv über den Krieg in der Ukraine und die Vorgänge in Russland. Der Kanal erreicht ein Publikum von mehr als 1,6 Millionen.

Es ist wichtig zu wissen, dass schon das bloße Wort „Krieg“ in Bezug auf die Ukraine in Russland verbannt ist. Das, was sich gerade ereignet, wird offiziell nur als „spezielle militärische Operation“ bezeichnet. Schon vor einigen Jahren trat ein Gesetz in Kraft, das es verbietet, die Verluste bei militärischen Operationen Russlands abweichend von den offiziellen Zahlen zu veröffentlichen. Im März erklärte das russische Verteidigungsministerium, es seien bis dahin 1351 Soldaten gefallen. Seitdem gab es keine neuen offiziellen Verlustangaben mehr. Von der ukrainischen Seite heißt es, bisher seien fast 30.000 russische Soldaten gestorben. Zum Vergleich: Während der zehn Jahre des Afghanistan-Kriegs betrugen die Gesamtverluste der UdSSR 15.000 Mann.

Viele Russen verlangen nach verlässlichen Informationen. Das Vertrauen in die Medien ist rapide gefallen. Die Bürger suchen nach Alternativen. Wie erleben diese Bürger den Alltag? Das Leben in den großen Städten Russlands hat sich nicht radikal geändert. Natürlich macht es sich bemerkbar, dass viele westliche Unternehmen Russland verlassen haben. Die Lebensmittelpreise sind seit Kriegsbeginn um 40 bis 50 Prozent gestiegen. Aber es gibt kein Gefühl für die Nähe des Krieges. Viele Leute leben ihr normales Leben weiter. Sie gehen abends in der Stadt aus, sie besuchen Restaurants. Menschen können sich an vieles gewöhnen. Im vierten Monat des Krieges lesen manche absichtlich keine Nachrichten mehr über den Krieg. Andere glauben nichts mehr, wieder andere glauben die offizielle Version.

Trotzdem: Es gibt viele Kriegsgegner. Im Februar und März fanden im Stadtzentrum von St. Petersburg Proteste mit tausenden Teilnehmern statt. Sie wurden von der Polizei brutal unterdrückt, viele Demonstranten eingesperrt. Die Regierung verschärfte damals eilig die Gesetze. Jetzt ist es möglich, jemand für die Teilnahme an einer solchen Aktion für zwei Jahre ins Gefängnis zu schicken. Aktivisten sind genauso wie einfache Bürger eingeschüchtert. Heute ist es schlicht unmöglich, öffentlich zu protestieren.

Der Sommer zeigt den Russen, die bisher gewohnt waren zu reisen, wie sehr sich die Welt verändert hat. Für sie ist es unmöglich, direkt in europäische Länder zu fliegen. Die Preise für einen Urlaub in der Türkei – die einzige Möglichkeit – sind deshalb um 100 Prozent gestiegen. Istanbul dient heute auch als Drehkreuz für Russen, die aus den verschiedensten Gründen noch nach Mittel- und Westeuropa fliegen. Natürlich kosten die Tickets das Drei- und Vierfache im Vergleich zur Vorkriegszeit. Die Wendung “die Welt hat sich verändert” benutzen heute sehr viele. Und sie stimmt – in sehr verschiedener Weise, je nachdem, wie jemand lebt.

Es ist sehr wichtig festzuhalten, dass viele diesen Krieg ablehnen. Sie fühlen den Schmerz, den Schrecken, aber – leider – auch ihre Hilflosigkeit. Manche wünschen heute einander an Feiertagen, beispielsweise zum Geburtstag, zusätzlich zu „Happy Birthday“ noch: „einen friedlichen Himmel über dem Kopf“. Es kam sehr unerwartet: Aber im Jahr 2022 haben viele St. Petersburger wieder einen einfachen und wichtigen Wunsch: Frieden.


Der tatsächliche Name des Journalisten, der in St. Petersburg lebt und arbeitet, ist der Redaktion von TE bekannt. Er wurde zu seiner Sicherheit geändert.

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