Schweiz: viel Gas aus Russland, aber kein Öl

Veröffentlicht am 1. August 2022 von AS.

Die Schweiz verzeichnete 2020 einen Bruttoenergieverbrauch von 1’002’110 Terajoules. Dies entspricht der freiwerdenden Explosionsenergie von 11’930 Nagasaki-Atombomben. Der Endverbrauch lag bei 747’400 Terajoules, so der Bericht «Schweizerische Gesamtenergiestatistik 2020» (SGE) des Bundesamts für Energie.

Der wichtigste Energieträger war Erdöl mit 35,2% (siehe Grafik), gefolgt von Kernbrennstoffen bzw. Kernenergie mit 25% und der Rohwasserkraft mit 14,6%. Eine eher marginale Rolle spielten weitere Energieträger («Rest», z.B. Kohle oder Holz, 13,3%) und Gas (11,9%).



Quelle: SGE, S. 22.

Energetisch war die Schweiz 2020 zu 72% vom Ausland abhängig (siehe Grafik). Dies betrifft besonders Energiequellen, die nicht oder nur spärlich im eigenen Land vorhanden sind. Die Herkunft dieser notwendigerweise importierten Rohstoffe kann besonders dann wichtig werden, wenn geopolitische Konflikte in den Herkunftsgebieten die Versorgung gefährden können. Daher lohnt sich ein Blick darauf, woher besonders Erdöl und Gas stammen.



Quelle: Bundesamt für Statistik

Erdöl: Hauptlieferant Nigeria

Das meiste Erdöl importiert die Schweiz seit Jahren aus Nigeria, wie Statistiken der Erdöl-Vereinigung zeigen. 2020 betrug der Anteil 40,5%. Dahinter folgten die USA (35,2%), Libyen (12,1%), Kasachstan (6%), Algerien (5,9%). Russland bildete mit 0,3% das Schlusslicht (siehe Grafik). 2021 floss kein russisches Erdöl mehr in die Schweiz. Auch die beiden Jahre zuvor (2018 und 2019) hatte es entweder keine oder nur eine sehr marginale Bedeutung.



Quelle: Erdöl-Vereinigung, Statistiken 2020, S. 51.

Libyen zählte bis zur Schliessung der Raffinerie in Collombey (Kanton Wallis) 2015 konstant zu den wichtigsten Erdöllieferanten (siehe Grafik). Das Öl wurde von der nordafrikanischen Küste über das Mittelmeer zum Hafen von Genua transportiert und floss durch die Pipeline Oléoduc du Rhône über die Alpen.



Quelle: Erdöl-Vereinigung, interaktives Diagramm hier.

Bemerkenswert ist die jüngst geradezu explosionsartig gestiegene Wichtigkeit der USA als Erdöl-Lieferant. 2021 stammten 31,5% der Importe aus den USA, 2020 waren es 35,2%. Demgegenüber betrug der Anteil 2019 erst 10,5% und 2018 exportierten die USA noch überhaupt kein Erdöl in die Schweiz. In den vergangenen 25 Jahren waren es lediglich 2015 und 2016 kleinere Mengen.

Die Erdöl-Industrie der USA verwandelt die Sanktionen gegen Russland in ein bombastisches Export-Geschäftsmodell. Während die russischen Exporte nach Europa einbrechen, füllt die US-Erdöl-Branche das entstehende Vakuum zu ihren Gunsten. Der Ölboom wird durch Fracking ermöglicht, einem umweltschädigenden Förderungsverfahren. So gesehen ist Geopolitik immer auch Wirtschafts- und Profit-Politik.

Viel Gas aus Russland

Die Import-Statistik des Verbands der Schweizerischen Gasindustrie (VSG) zeigt, dass im Jahr 2020 47% der Gas-Importe aus Russland stammten. Russland war somit vor Norwegen mit 24% der mit Abstand grösste Lieferant. Danach folgten EU-Länder (19%), «Sonstige» (7%) und Algerien mit 3% (siehe Grafik).



Quelle: VSG-Jahresstatistik 2020, S. 28.

Zusammengefasst: Russland ist zwar der mit Abstand grösste Gas-Lieferant der Schweiz. Doch Gas spielte 2020 mit knapp 12% Anteil an der gesamten Energieträgerschaft eine eher marginale Rolle für die Versorgungsleistung. Die westlichen Sanktionen gegen Russland und insbesondere jene, die Energieträger betreffen, dürften die Versorgungssicherheit der Schweiz kaum ernsthaft gefährden. Dies, weil die Schweiz zuletzt kein Erdöl mehr aus Russland importierte, der anteilsmässig wichtigsten Energiequelle.



Energieflussdiagramm: Umwandlung vom Träger zum Verbraucher. Quelle: SGE, S. 10.

Deutschland und EU: beträchtliche Abhängigkeit

Im Vergleich zur Schweiz war Deutschland mit der grössten Volkswirtschaft Europas mit 64% weniger abhängig von Energieimporten, wie das Statistische Amt der Europäischen Union (Eurostat) festhält. Die wichtigste Energiequelle war ebenfalls zu 35% Erdöl. Doch das Gas spielt nicht wie in der Schweiz eine marginale Rolle: Mit 26% Anteil ist es die zweitwichtigste Quelle.

Hinzu kommt: Die Herkunftsgebiete der deutschen Importe sind weniger diversifiziert als in der Schweiz, was die Abhängigkeit erhöht. Sowohl beim Erdöl als auch beim Gas ist Russland der mit Abstand wichtigste Handelspartner.

Beim Öl folgen auf Russland (34%) das Vereinigte Königreich mit 11,5%, die USA (11,3%), Norwegen (9,7%) und Kasachstan (9%). Beim Gas ist die Abhängigkeit von Russland mit 66,1% noch ausgeprägter. Zweitwichtigster Partner ist Norwegen (20,8%), vor den Niederlanden mit (11,6%).

Öl, Gas und Kohle sind für Europa die wichtigsten Energiequellen. Zusammen sind diese Rohstoffe gemäss einem Bericht des Mineralölkonzerns BP die Grundlage für etwas mehr als 70% der Energieversorgung. Besonders Länder der Europäischen Union sind diesbezüglich auf russische Lieferungen angewiesen (siehe Grafik): bei Gas 37%, bei Öl 25% und bei Kohle 20%.



Quelle: BP.com

Auswirkungen einer deutschen und europäischen Abhängigkeit von russischen Rohstoffen dürfte die Schweiz allenfalls indirekt zu spüren bekommen – nämlich dann, wenn die Wirtschaftsproduktion ihres wichtigsten Handelspartners aufgrund der angespannten Energieversorgung leiden sollte.

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AUTOR

Armin Stalder

DATUM

August 1, 2022

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