Viele Monate sprühte die Fondsmanagergilde aufgrund des wirtschaftlichen Comebacks der Weltwirtschaft nur so vor Optimismus. Diese Zuversicht hat sich im Juli deutlich abgekühlt, wie die jüngste Umfrage der Bank of America zeigt.

imago images / Marcel Lorenz

Waren im Juni noch 91 Prozent der Meinung, dass sich die Konjunktur global weiter erholen werde, erwarteten dies im Juli nur noch 27 Prozent der Befragten. Das schlägt sich auch bei den gefallenen Gewinnerwartungen für die Unternehmen nieder. Nur noch 41 Prozent der Geldprofis, die zusammen über 700 Milliarden US-Dollar verwalten, rechnen mit ­höheren Profiten. Das sind weniger als halb so viele wie noch im März. Immerhin 51 Prozent der Befragten gehen aber weiter davon aus, dass sich die Börsenrally bis Ende des Jahres fortsetzt. Pharma-, Technologie- und Finanzaktien zählen zu den Top-Favoriten der Manager.

Der S & P 500 hat eine eindrucksvolle Gewinnsträhne hinter sich. Vergangene Woche eroberte er den 49. Rekord seit Jahresanfang. Das ist der beste „Start“ in ein Börsenjahr seit 1995. Selbst der berühmt-berüchtigte August scheint dem US-Aktienindex bisher nichts anhaben zu können. So bleibt es dabei, dass der letzte Rücksetzer von über fünf Prozent bezogen auf den vergangenen Donnerstag inzwischen schon knapp 200 Tage her ist. Und die Aussichten bleiben eigentlich rosig, da die Quartalszahlen besser ausgefallen sind als erwartet und ein hohes Gewinnwachstum prophezeit wird. Daher sind 56 Prozent aller Analys­ten­einschätzung eine Kaufempfehlung, der höchste Wert seit 2002. Und auch die Statistik spricht nicht gegen weitere Gewinne. „Phasen, in denen der S & P 500 mindestens sechs Monate in Folge stieg, gab es seit dem Jahr 1871 immerhin schon 47 Mal“, so Sven Lehmann, Fondsmanager von HQ Trust, der die monatlichen Renditen des S & P 500 Total Return Index seit dem Jahr 1871 analysiert hat. „14 Mal war nach dem sechsten Monat Schluss mit der Serie, aber in gut 70 Prozent der Fälle stieg der S & P im nächsten Monat weiter. Im Mittel steigt der S & P 500 monatlich nur in 61 Prozent der Fälle“, hat Lehmann berechnet. „Am längsten dauerte die Phase steigender Kurse in der Zeit ab Dezember 1994: Damals ging es 19 Monate lang nach oben. Ab März 1958 und November 2016 war das ­jeweils über 15 Monate der Fall.“

An den US-Börsen ist eine schwache Woche am Freitag mit klaren Gewinnen zu Ende gegangen. Als Kursstütze erwies sich die Stärke einiger schwergewichteter Technologietitel. Der Leitindex Dow Jones Industrial gewann 0,7 Prozent auf 35.120 Punkte und beendete damit eine viertägige Verlustserie. Auf Wochensicht verzeichnete er indes ein Minus von mehr als ein Prozent. Der S&P 500 rückte um 0,8 Prozent auf 4.442 Punkte vor, und der technologielastige NASDAQ 100 stieg um 1,1 Prozent auf 15.093 Zähler. Beide Indizes hatten bereits am Donnerstag ihren Abwärtstrend gestoppt.

Laut dem am Mittwoch veröffentlichten Protokoll (Minutes) von der jüngsten Sitzung der US-Notenbank spricht sich eine Mehrheit der Mitglieder für eine Reduzierung der Anleihekäufe noch in diesem Jahr aus. Robert Kaplan – Vorsitzender der regionalen Notenbank von Dallas und innerhalb der Fed als Anhänger einer eher lockeren Geldpolitik bekannt – sagte nun in einem Fernsehinterview, dass eine Straffung der Geldpolitik zu überdenken sei, falls die besonders ansteckende Delta-Variante des Coronavirus das Konsumverhalten und die Geschäftstätigkeit der Unternehmen beeinträchtige.

Im Dow zählten die Aktien der Softwarekonzerne Microsoft und Salesforce sowie des Netzwerkspezialistenen Cisco mit Kursaufschlägen von 1,2 bis 2,6 Prozent zu den größten Gewinnern. Der Technologiekonzern Apple reihte sich mit einem Kursplus von rund einem Prozent immerhin im oberen Indexdrittel ein.

Spotify begeisterte die Anleger mit der überraschenden Ankündigung, für bis zu eine Milliarde US-Dollar eigene Aktien zurückzukaufen. Deren Kurs zog um über fünfeinhalb Prozent auf 216,6 Dollar an. Allerdings ist der Zeitpunkt für diese Maßnahme wohl kein Zufall: Denn nach einer Talfahrt seit Anfang Juli waren die Titel bei 201,7 Dollar zuletzt auf den tiefsten Stand seit rund 14 Monaten abgerutscht.

Der deutsche Aktienmarkt hatte sich zuvor zum Wochenschluss noch ins Plus gekämpft. Der deutsche Leitindex DAX schloss 0,3 Prozent im Plus bei 15.808,04 Punkten. Aufgrund der vierten Corona-Welle belasteten Materialengpässe die Mehrheit der Unternehmen, hieß es. Die deutschen Hersteller haben deshalb die Preise im Juli deutlich anheben können. Auf Wochensicht ergibt sich ein gemischtes Bild mit einem DAX-Minus von 1,8 Prozent. Sein vor einer Woche erreichtes Rekordhoch von 16 030 Zählern hat er inzwischen ein Stück aus den Augen verloren.

Auf Unternehmensseite standen die Autowerte im Vordergrund. Der japanische Konkurrent Toyota hatte am Donnerstag drastische Produktionskürzungen verkündet. Darunter litten auch die deutschen Autowerte: BMW lag mit einem Minus von mehr als zwei Prozent am DAX-Ende, gefolgt von VW mit einem Abschlag von 1,8 Prozent. Letzterer hatte angekündigt, die Produktion nach der Sommerpause nur eingeschränkt anlaufen zu lassen, Grund hierfür sei der Chipmangel.

Beim Hackerangriff auf die US-Tochter des Bonner Telekom-Konzerns sind deutlich mehr Daten als zunächst angenommen erbeutet worden. Bei weiteren 5,3 Millionen bestehenden Vertragskunden seien Namensangaben, Telefonnummern und weitere Informationen abgegriffen worden, teilte T-Mobile US am Freitag mit. Zuvor hatte der Mobilfunker die Anzahl auf 7,8 Millionen beziffert.

Der rasche Vormarsch der Taliban in Afghanistan hat auch die Finanzmärkte geschockt. So fiel die afgha­nische Währung gegenüber dem US-Dollar auf den tiefsten Stand in ihrer Geschichte, nachdem sie parallel schon in den vergangenen Wochen hatte kräftig Federn lassen müssen. Auch an den Anleihemärkten gab es Unruhe. „Zwar hat Afghanistan keine Staatsanleihen ausstehen, jedoch könnten die jüngsten Entwicklungen im Land die Nachbarländer Pakistan, Tadschikistan und Usbekistan, die Eurobonds ausstehen haben, erheblich beeinträchtigen“, meint Carlos de Sousa, Investmentstratege und Portfoliomanager bei Vontobel. So kamen die pakistanischen Eurobonds unter Druck, da eine enge Zusammenarbeit Islamabads mit den Taliban befürchtet wird.

China war lange einer der Haupttreiber der Börsen. Das Land entwand sich am schnellsten dem Würgegriff der Lockdowns und wuchs im Corona-Jahr 2020 als einzige große Volkswirtschaft des Globus. Die Nachfrage der chinesischen Industrie und der Konsumenten zog auch die Exporteure des DAX aus der Corona-Misere. Doch inzwischen kämpft die Volksrepublik mit der Delta-Variante, Konjunktursorgen breiten sich aus. Überdies wird der politische Druck auf Unternehmen immer stärker, insbesondere große chinesische Techs spüren die Regulierungswut Pekings. Die Aktie der Online-Handelsplattform Alibaba etwa notiert in Hongkong auf Allzeittief, die Notierung an der Nasdaq steht unter Druck, wie auch die des Webriesen Tencent, der vor weiteren kursbelastenden Maßnahmen warnt. Insgesamt sind die East-Techs an der Nasdaq seit Jahresanfang um rund ein Viertel gefallen, das dämpft den Kursauftrieb der Technologiebörse. Die Protokolle der jüngsten US-Notenbanksitzung konnten die Stimmung der Anleger nicht bessern. Die Fed wird demnach wohl schon in diesem Jahr ihre Anleihekäufe zurückfahren. Allerdings geschieht das, weil die US-Wirtschaft zurück auf einem Wachstumspfad ist — ein durchaus positiver Aspekt.


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